#synodenblog: P. Johannes kommentiert die Synode

P. Johannes Kaufmann SDB, © Bild: SDB

Pater Johannes Kaufmann SDB ist seit Jahren Feuer und Flamme für die Jugendarbeit. Für orden.de kommentiert er in den kommenden Wochen die Jugendsynode in Rom. Pater Johannes ist seit 2004 Salesianer Don Boscos und war bis 2017 Leiter des Don Bosco Hauses in Chemnitz. Seine Passion: benachteiligten Kindern und Jugendlichen Platz für Träume zu geben und ihnen neue Horizonte zu erschließen. Heute ist der Ordensmann Provinzbeauftragter für die Jugend- und Berufungspastoral der Salesianer. Pater Johannes sieht seine Aufgabe darin, „durch Ideen, Aktionen und verschiedene Impulse mitzuhelfen, dass der Geist Don Boscos, seine Liebe zu den jungen Menschen in all unserem Tun lebendig ist. Es gilt also, dieses salesianische Feuer der Liebe immer neu anzufachen“, verriet er im vergangenen Jahr dem Don Bosco Magazin in einem Interview.

#synodenblog: Es ist angerichtet! - 30. Oktober 2018

„Es ist angerichtet“ so möchte ich meinen letzten Blogbeitrag, mit dem ich mich bei den Lesern und bei orden.de sehr herzlich bedanken möchte, überschreiben. „Es ist angerichtet“ – diese Worte klingen vielversprechend, wenn man in einem leckeren italienischen Restaurant sitzt und die Köstlichkeiten der italienischen Küche erwarten darf. „Es ist angerichtet“ lässt einem beim Auftragen der Antipasti freudig schon den Speichel im Mund zusammenlaufen.

Am Wochenende ist in Rom die Jugendsynode zu Ende gegangen. Für die Bedeutung und den Erfolg dieser Synode, die unter vielen Gesichtspunkten einzigartig war und ist, kommt es gerade darauf an, dass wir als Kirche, wir als verantwortliche in Diözesen, Ordensgemeinschaften, Pfarreien und geistliche Gruppen und Gemeinschaften, bereit sind und Appetit bekommen haben, dieses vielfältige Mahl auch zu essen.

Die großen Herausforderungen sehe ich gerade darin, das Schlussdokument nicht abzuheften, sondern es zur Grundlage unseres Nachdenkens und Handelns zu machen. Sind wir bereit, auch in unsere Alltagsplanungen und Arbeitsagenden die drei Minuten Pause der Synode einzubauen, um hinzuhören, was da eigentlich in unserer Welt geschieht? Sind wir bereit, aus unserem Aktivismus neu in eine Kultur der Meditatio einzutreten? Sind wir fähig, die „Unione con Dio“ (das Einssein mit Gott) als Einheit zwischen Kontemplation und Aktion zu leben?

Die Einladung, als Kirche bewusst eine neue Haltung des „Hörens“ einzunehmen, ist meines Erachtens das wichtigste Resultat, das diese Synode in großer Klarheit ans Licht gebracht hat. Hier sehen wir den Jesus, der auf dem Weg nach Emmaus als erstes die Hoffnungen und Ängsten, die Enttäuschungen und Träume der zwei Jünger anhört.  Im Bild von dem italienischen Essen: Dies ist die Pasta, die grundlegende Speise, die sättigt und die hoffentlich bei den Nach-Gott-Hungernden ankommt. Gehört zu werden ist das, was junge Menschen brauchen. Gehört zu werden ist  die Erfahrung, die diese Synode besonders gemacht hat. Sowohl die „alten“ Bischöfe, Kardinäle, Experten fühlten sich gehört, als auch gerade die jungen Menschen, die mir ihren Fragen endlich Raum fanden. Diese Erfahrung wurde sogar als zutiefst pfingstliche Erfahrung bezeichnet. Diese Erfahrung soll Schule machen. Hoffentlich gelingt es dem Duft dieser Speise, uns alle anzuregen, auch an unseren Orten diese „Pasta“ des Hörens nachzukochen. Damit auch wir Mahl halten mit jungen Menschen, mit den Ausgegrenzten, mit den Suchenden, mit den von Gott geliebten.

Diese synodale Kirche, diese sich auf Augenhöhe versammelnde Gemeinschaft hat es geschafft, wichtigen und umstrittenen Themen unserer Zeit wertschätzend und gleichberechtigt Raum zu geben: Themen wie der Würde und Rolle der Frau in der Kirche, der Frage nach der Bedeutung der Sexualität, nach dem Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche, nach dem „gemeinsamen Haus“ unserer Erde, nach den Herausforderungen durch die digitale Welt, nach Migration, nach Gerechtigkeit und Zukunftschancen. Sie hat es zum Glück – wie ich meine – nicht geschafft, allgemeingültige Antworten zu geben. Im Angesicht der Vielfalt und Diversität unserer Welt, der Unterschiedlichkeit und Ungleichzeitigkeit der Herausforderung, braucht es die Pluralität der Antworten, die „Katholizität“ (alle betreffend - umfassend) der Kirche. Einfach auszuhalten ist dies nicht. Ich hätte mir für unsere deutsche Wirklichkeit teilweise mehr gewünscht. Jedoch braucht es wohl für viele Fragen mehr „Garzeit“ als die dreieinhalb Wochen dieser Synode. Die Themen sind auf dem Tisch und werden hoffentlich bald einen guten zweiten Gang ergeben.

Die Konkretheit der Ergebnisse lässt zu wünschen übrig. Hier bietet das Dokument Anregungen aber keine Festlegungen. Hier finden wir Apelle, aber noch keine Durchführungsbestimmungen. Dies war vermutlich zu erwarten und darf als erster, grundlegender und wichtiger Schritt gewertet werden. Das Warten macht meist keine große Freude. Dies gilt besonders für junge Menschen, die (zum Glück) wenig Geduld haben und anpacken wollen. Warten wir mit ihnen auf das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus, warten wir auf die konkreten Schritte vor Ort. Diese müssen kommen, sonst verschwindet der Geruch dieses köstlichen Mahles zu schnell. Hier sind die Bischöfe und jeder einzelne von uns herausgefordert. Wir alle sind eingeladen zu handeln!

Hörend und konkret bei und mit den (jungen) Menschen als Zeugen Christi zu leben, ist das, was Papst Franziskus uns beim Abschlussgottesdienst der Synode in der Predigt zusammengefasst  mit auf den Weg gibt. Dies tut Jesus in der Emmausgeschichte. „Es ist angerichtet“ -  jedoch noch „ist es nicht vollbracht“. Essen und stärken wir uns,

- damit unsere konkreten Schritte in Richtung Strukturen des Hinhörens, des Beteiligens,
- damit unsere Wege hin zu den Menschen am Rande,
- damit unser erneutes Vertrauen in Gott, der durch und für alle jungen Menschen handelt

einen wunderbaren Postre (Nachtisch) für dieses Mahl bilden.

Buon appetito!

#synodenblog: Trau dich! - 26. Oktober 2018

Es braucht Mut aus dem Bekannten heraus einen Schritt ins noch Unbekannte zu tun. Tagtäglich erlebe ich dies in der Arbeit mit den jungen Menschen, auch in der geistlichen Begleitung von jungen Menschen in der Berufungspastoral. Lernen können wir hierzu einiges aus der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Ausgehend von einer Symbiose mit der Mutter entdecken sie Schritt für Schritt neugierig die Welt, gestärkt von den Eltern und der Familie. Wenn Kinder aus verschiedenen Gründen diese Entwicklungsschritte nicht tun, haben sie oft in ihrem Leben Schwierigkeiten und brauchen Unterstützung.

Voller Neugierde auf die Ergebnisse dieser Synode und gleichzeitig in Sorge, ob sie den hohen und so unterschiedlichen Erwartungen überhaupt gerechten werden können, sehe ich dieses Bild als eine große Hilfe. Ich hoffe, dass diese Synode zuallererst ein Schritt in unsere Welt ist. Dass sie der Kirche ihre kindliche Neugierde zurückgibt, die sie und uns offen macht, die heutige und zukünftige Welt hoffnungsvoll und nicht sorgenvoll anzuschauen. Denn wir sind von Gott selbst begleitet. Er steht uns zur Seite wie gute Eltern ihren Kindern zur Seite stehen, die sich deshalb voll Freude in das Abenteuer des Lebens stürzen dürfen. 

Die Unbelastetheit der Jugend, ihr Optimismus, das ihr eigene Vertrauen in die eigene Kraft dürfen wir theologisch als Ausdruck von Gottes zukunftsschaffender Wirkmacht deuten. Gott verzweifelt nicht an uns Menschen, sondern er vertraut und baut auf uns. Er traut sich heute, seine Kirche einen Schritt weiter zu führen. Einen Schritt weiter in die Zukunft, nämlich zu den jungen Menschen und ihren Themen.

So darf ungeachtet der vielen konkreten Maßnahmen, Veränderungen und zukunftsweisenden Gedanken, die sich hoffentlich im Abschlussdokument finden werden, der größte Erfolg in dem gemeinsamen dialogischen Unterwegssein von Bischöfen, Fachleuten und jungen Menschen gesehen werden. Der gestrige gemeinsame Pilgerweg in Wanderschuhen und mit leichtem Gepäck am Ende der Synode scheint mir hier von prophetischer Symbolik.

Trauen wir uns, die kommenden Ergebnisse nicht zuerst kritisch zu bewerten und mit Abstand zu diskutieren, sondern uns einzulassen auf die Dynamik des Hörens, Unterscheidens und Wählens, die vorläufig bleibt und doch konkret ist. Trauen wir uns, loszugehen und das scheinbar Sichere aufzugeben, um im Heute zu leben, getragen von der Botschaft des kommenden Reiches Gottes. Trauen wir uns, der Versuchung zu widerstehen, die Synode nicht als ersten Schritt zu sehen, sondern als Zielpunkt.

Trauen wir uns, wie das biblische Bild des Schlussdokuments es anregt, mit Jesus nach Emmaus zu gehen!

Foto: SDB/Klaus D. Wolf

#synodenblog: Berufung - 22. Oktober 2018

Berufung – dieses Wort, das prominent im Titel der Synode „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung" steht, taucht überraschenderweise nur sehr am Rande dieser Synode auf. Diese doch so fundamentale Frage – auch nach den fehlenden Berufungen für unsere Kirche in Europa  –erscheint nur am Rande. Was hat dies zu bedeuten?

Ich glaube, dass dies ein positives Zeichen ist. Zuerst macht es deutlich, dass die Synode  wirklich einen unverzweckenden Blick auf die jungen Menschen einnimmt. Sie will alle jungen Menschen in den Blick nehmen und nicht bevorzugt jene, die schon mit Jesus unterwegs sind „Tutti i giovani sono i nostri giovani“ – Alle Jugendlichen sind unsere Jugendlichen, so drückte es Don Ángel Fernández Artime, der Generalobere der Salesianer Don Boscos, bei seinem Synodenbeitrag am 19. Oktober aus.

Deren Fragen nach Würde und Rolle der Frau, nach Bedeutung und Umgang mit der menschlichen Sexualität, nach dem Versagen der Kirche durch (sexuellen) Missbrauch, nach erzwungenen Migrationsbewegungen durch Kriege, Klimawandel und Perspektivlosigkeit, nach den epochalen Veränderungen wie Globalisierung und Digitalisierung und nach den neuen Medien beschäftigen diese Synode. Was bedeutet dies für diese Welt und für die jungen Menschen? Was für Interpretations- und Lebenswege bietet ihnen unsere Glaubenshoffnung, unsere Kirche an?

Gottes „Ich bin da – mit meiner bedingungslosen Liebe“ ist hier die Kernbotschaft, die wir als Christen vorleben dürfen. Dies ist unsere Berufung. Diese werbende Zusage Gottes den jungen Menschen neu zugänglich zu machen, ist der Auftrag dieser Synode.

Darüber hinaus gibt es jedoch heute noch eine viel revolutionärere Botschaft, die den Kern unseres Glaubens bildet, nämlich: Du bist gewollt und wirst gebraucht! Jeder Mensch, jeder junge Mensch dieser Welt, wird gebraucht, hat eine Aufgabe!

Zu viele junge Menschen  erfahren, dass sie nur als „human capital“ in unserer Welt betrachtet werden. Zu viele Menschen erfahren sich als überflüssig, ungebraucht und mit nur geringen Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn ich auf einige unserer Jugendlichen in der Jugendhilfe schaue, ist dies deutlich sichtbar. Ihr Leben ist oft von Ungewollt- und Ungebrauchtsein gezeichnet. Sie erfahren sich als Last. Und manchmal fällt es selbst uns Pädagogen und Ordensleuten schwer, den Ort zu sehen, wo diese jungen Menschen mit ihren individuellen Herausforderungen in unserer Welt gebraucht und gewollt sind. Sie sind jedoch gebraucht! Sie sind von Gott gerufen und berufen. Sie sind Gottes „Plan A“, um sein Reich heute Realität werden zu lassen.

Beten wir darum, dass unsere Glaubensgemeinschaft durch diese Synode tiefer die Berufung aller Menschen erkennt, nämlich, dass jeder einzelne in aller Unvollkommenheit, Verletztheit, Begrenztheit und Einzigartigkeit berufen, gebraucht, von Gott gewollt ist, seinen unverzichtbaren Beitrag für diese Welt einzubringen.

#synodenblog: Theorie oder Praxis – das ist hier die Frage! - 16. Oktober 2018

Wohin geht es in der Synode? Die Halbzeit ist geschafft. In sehr ungestörter(?) Atmosphäre arbeiten, diskutieren und hören die Synodenteilnehmer*innen aufeinander, auf die Welt und insbesondere auf die jungen Menschen. Aber was soll / was kann am Ende stehen?

Diese Frage beschäftigt zur Halbzeit sowohl die Teilnehmer*innen der Synode als auch die Beobachter*innen. Für die konkrete Wirklichkeit unserer Zeit ein Dokument zu formulieren, dass eine Antwort auf die sehr unterschiedlichen Fragen und Sichtweisen - auch und gerade von jungen Menschen – bietet, scheint angesichts der Vielfältigkeit unserer Welt eine nahezu unlösbare Aufgabe. Dies kann man erspüren, wenn man zum Beispiel die Kommentare in verschiedenen Sprachen auf der vatikanischen Nachrichtenseite www.vaticannews.va (Deutsch/Englisch/Italienisch/Spanisch…) liest. 

Ist die Vertiefung in Grundlagendebatten die Lösung? Das Nachdenken über Freiheit, Anthropologie, Berufungstheologie, um allgemeingültigessagen zu können? Ich weiß es nicht. Kann die Kirche in der Grundlagenreflexion über diese Fragen den Weg zurück zu den jungen Menschen finden? Wird das Schlussdokument der Synode nicht doch wieder einen beachtlichen Teil von deduktiver Theologie enthalten? Ich hoffe, dem wird nicht so sein.

In unserem salesianischen Charima ist einer der zentralen Begriffe die „Assistenz“. Wir sollen bei den jungen Menschen sein, mit ihnen das konkrete Leben teilen und ihnen hierbei zum Gesprächsparter und Vorbild werden. Nur wenn wir mit und für sie leben kann eine Beziehung entstehen, aus der heraus wir miteinander – jung und alt – ins wirklich gelingende Leben hineinwachsen können.

Ich erhoffe mir, dass der Impuls aus der Synode in die Praxis, in das Konkrete gehen wird. Dass  -zumindest in unserem Kulturkreis - wir als Kirche neu Mut bekommen, das Leben mit den jungen Menschen zu teilen. Ist es nicht traurig, dass es in keinem Bereich der kategorialen Seelsorge unserer Kirche in Deutschland so viele offene und unbesetzte Stellen gibt, wie in der Jugendseelsorge?

Die Angst vor den jungen Menschen, der Fremdheit ihrer Welt, werden wir nicht theoretisch lösen, sondern nur im Miteinanderleben. Wir müssen als Kirche neu lernen, die liebende Gegenwart Gottes in den manchmal fremden Lebensentwürfen junger Menschen zu sehen. Wir müssen neu lernen, die Stimme Gottes in ihren Fragen und Anfragen, in ihren Worten und Antworten auf die heutigen Herausforderungen herauszuhören.

Als Ordensleute dürfen wir hier ruhig die Regel des Heiligen Benedikt anklingen hören, in der auf die jüngsten in der Gemeinschaft besonders gehört werden soll. Leben wir diese alte Erfahrung der besonderen Gegenwart Gottes unter den jungen Menschen nicht nur theoretisch, sondern konkret praktisch!

Foto: SDB/Lisa Marie Trauer

#synodenblog: Hör' doch mal zu! - 12. Oktober 2018

Hör doch mal zu!

Diesen Satz möchte ich als Pädagoge hin und wieder einem meiner Schützlinge ganz gerne – mehr oder weniger laut – zurufen. Hört doch mal zu! Dann wäre doch vieles um so viel einfacher. Meine Jugendlichen signalisieren mir jedoch immer wieder mal in diesen Situationen: Texte mich doch nicht schon wieder zu! Lass mich doch in Ruhe mit Deinen, Dir so wichtigen und heiligen Dingen, die wir nicht verstehen und die uns „scheißegal“ sind.  Achtung, aufgepasst! Dies ist ein klassisches Beispiel  für ein Kommunikationsproblem wie sie auch in unserem kirchlichen Kontext immer wieder vorkommen.

Hör doch bitte mal zu! Dies ist der Aufruf an unsere Kirche, mit dem sich die Synode die ersten Tage sehr intensiv und konstruktiv beschäftigt hat.  Nicht ganz einfach, angesichts einer unglaublichen Sprachenvielfalt. Nicht ganz einfach, bei den vielen kulturellen und sozialen Unterschieden in unserer Welt. Nicht ganz einfach, bei dem schwierigen Prozess des Hörens: Spricht jemand auf der Beziehungsebene oder ist sein Beitrag eine Aufforderung? Spricht er über ein Faktum oder sagt er mir gerade etwas über sich selber? Auch die Synodenteilnehmer spürten diese Herausforderung. 

Diese ersten Tage der Synode waren ein „kreatives“ Ringen um die Zeichen der Zeit, die gerade durch die jungen Menschen mit ihren Themen und Fragen heute zum Ausdruck gebracht werden. Sie waren ein Bewusstwerden dieser großen Herausforderung, vorurteilsfrei, ohne vorgefertigte Ideologien, Meinungen und Interpretationsraster zuzuhören. Sie waren eine Phase des Lernens, des Einübens einer Haltung des Hörens. Dies bleibt eine Aufgabe für die Zukunft.

Mit der zweiten Woche hat nun die nächste Phase begonnen. Die Phase der Unterscheidung, des Ordnens und der Herausarbeitung zentraler Themen und Fragen. Jetzt wird es spannend! Eine Sorge dürfen wir jedoch haben: War eine Woche des Zuhörens genug?

 In den Kommentaren und Texten der „Circuli minori“ ist aber auch zu spüren, dass diese erste Phase ein Ergebnis gebracht hat. Es ist deutlich geworden, wie schwierig die Haltung des Hörens ist. Es ist bewusst geworden, dass alles, was am Ende dieser Synode stehen wird, ein erster Schritt sein wird, ein erster Schritt in eine Zukunft, in die hinein immer wieder Gottes Wort gerade durch die jungen Menschen spricht. Eine Zukunft, die nur durch wirkliches „Hinhören“ zu gewinnen ist.

Hör doch mal zu! Dies dürfen wir zuallererst zu uns selbst sagen, alle miteinander. Vielleicht hat dann das Reich Gottes heute eine größere Chance anzukommen. Erinnern wir uns daran. Vielleicht hilft der Zettel an meinem Bildschirm ja etwas. J

Foto: SDB

#synodenblog: Aus Deutschland nichts Neues?! - 9. Oktober 2018

Aus Deutschland nichts Neues?! - Dieser Satz kam mir spontan in den Sinn, als ich den vierminütigen Redebeitrag vor der Bischofssynode von Thomas Andonie (BDKJ Bundesvorstand und Auditor bei der Jugendsynode) las.

"Sexualisierte Gewalt durch Kleriker, Rolle der Frau, die Sexualmoral der Kirche und die Begleitung junger Menschen"(1)  waren die Themen. Dies sind ohne Zweifel wichtige Themen, denen sich die Jugendsynode zu Recht stellen sollte. Aber sind dies die Themen der jungen Menschen in Deutschland? Sind dies nicht - die sexuelle Gewalt ausgenommen - eher die binnenkirchlichen Themen, die einen kleinen Kreis von Engagierten und Involvierten beschäftigen, aber für die große Mehrheit der jungen Menschen eigentlich nicht relevant sind? Rühren wir hier nicht wieder in unserer eigenen kirchlichen Suppe herum und sind unfähig die Welt und ihre Fragen anzuhören?
Aus meiner Erfahrung als Salesianer Don Boscos, der mit jungen Menschen sowohl am Rande unserer Gesellschaft wie auch mittendrin unterwegs war und ist, glaube ich, dass wir uns trauen sollten, durchaus andere Themen anzusprechen.

In unserer Umfrage "Mach mit - junge Menschen gefragt" ist die Familie das, was den jungen Menschen mit Abstand am wichtigsten ist und sie somit auch beschäftigt. Was bedeutet diese Aussage, wenn fast die Hälfte aller Ehen in Deutschland zerbrechen, ein Großteil im Streit? Was bedeutet dies zu einer Zeit, in der 95 582(2)  Kinder und Jugendliche in Heimen und betreuten Wohngruppen aufwachsen? Diese Frage erreicht uns nur indirekt, weil die Gesellschaft und auch die jungen Menschen von uns hier nichts Neues, außer den alten Antworten einer vergangenen Zeit erwarten. Gefragt sind wir jedoch umso mehr, hier von der frohen Botschaft ausgehend im Dialog um Antworten zu ringen.

Weihbischof Johannes Wübbe (Osnabrück) verweist in seinem Redebeitrag vor der Jugendsynode zu Recht auch auf die große Not junger Menschen in Deutschland (Fast 6% der jungen Menschen beenden die Schullaufbahn ohne Abschluss(3), mehr als 2 Millionen unter 18-Jährige leben in Harz-IV-Haushalten(4)). Hier sind Kirche und gerade die Ordensgemeinschaften neben dem von ihm zitierten Projekt der Manege  in Berlin-Marzahn in vielen Projekten präsent. Dies ist gut und ist Ausdruck unserer christlichen Identität. Ist es jedoch genug?

Aggressiv machen mich so erwartbare Beiträge aus der deutschen Kirche, weil sie eine große Not unserer jungen Menschen in Deutschland übersehen und eine Schwäche unserer Kirche ausblenden. Sie übersehen den Mangel an authentischen Vorbildern und Begleitern, die Orientierung und Entscheidungshilfen in dieser doch so komplexen Welt geben können. Begleiter, die die jungen Menschen befähigen, ihre Lebensentscheidungen zu fällen, Vorbilder, die den Weg zur Quelle führen und nicht das abgefüllte Wasser aus dem Discounter weitergeben. Mich macht es aggressiv, dass wir den Schrei der jungen Menschen nicht hören. Den Schrei nach Sinn und Orientierung angesichts der Fragen nach Migration, Ausbeutung und Digitalisierung, nach Klimawandel, Umweltzerstörung und Gerechtigkeit in dieser Welt.

Hier wären wir Christen gefragt - als Wegweiser, nicht als Antwortgeber. Als Wegweiser, die einen Weg zur Quelle, zur Frohen Botschaft, zum wahren Menschsein weisen. Und hier liegt unsere Not, unsere Hilflosigkeit, dass wir den Weg oftmals selber nicht mehr kennen. Hier liegt das Thema, daswir als Kirche aus Deutschland einbringen sollten. Nämlich, dass wir nicht mehr wissen, wie wir im Heute, in der säkularisierten globalen Welt, junge Menschen nicht nur strukturell beteiligen, sondern sie in die Begegnung mit Jesus Christus führen können; dass wir nicht mehr wissen, wie wir jungen Menschen am Rande nicht nur soziale Hilfe gewähren, sondern sie mit der heilenden Liebe Gottes in Berührung bringen und sie fähig machen, als freie Menschen auf dieses Angebot Gottes zu antworten.

Ich wünsche mir, dass die Jugendsynode uns hier Anregungen gibt, dass wir als Kirche in Deutschland - und auch der BDKJ - den Mut haben, uns diesem Thema zu öffnen, das in anderen Regionen dieser Welt viel offener diskutiert wird, wie die Vielfalt der Redebeiträge deutlich macht.

Dieser Blog-Beitrag wurde am 9. Oktober um 16.15 Uhr aktualisiert.

(1) https://www.bdkj.de/aktuelles/artikel/jugendsynode-thomas-andonie-spricht-vor-papst-und-bischoefen/).
(2) 2018 - Spiegel Online aus Bundesamt für Statistik -  www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/heimkinder-zahl-in-deutschland-waechst-seit-jahren-stark-an-a-1207610.html.
(3) 2017- Caritas Bildungsstudie - https://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/kinderundjugendliche/bildungschancen/zahl-der-schulabgaenger-ohne-abschluss-s.
(4) 2018- FAZ - http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/kinderarmut-zwei-millionen-kinder-in-hartz-iv-familien-15799021.html.
  https://www.manege-berlin.de/ - getragen von den Salesianern Don Boscos und den Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel. 

Foto: SDB.

#synodenblog: Mut zur Lücke - 6. Oktober 2018

Mut zur Lücke! Dieser Satz, den wir uns manchmal selber vor Prüfungen oder großen Aufgaben zuflüstern oder der uns als gutgemeinte Ermutigung von anderen zugesprochen wird, scheint bei dieser Synode eine völlig neue Deutung zu erhalten.

Entgegen der in den Prüfungen des Lebens erlernten Erwartung, auf alles schnellstmöglich die richtige, oft vorgefertigte und erlernte, Antwort zu haben, mutet Papst Franziskus den Synodenteilnehmern zu, nach jedem fünften Redebeitrag eine Pause von drei Minuten zu machen. In vielen Berichten dieser ersten Tage taucht immer wieder diese Zeit der Stille als etwas Besonderes auf.

Drei Minuten schweigen, drei Minuten aushalten, drei Minuten HINHÖREN, was gesagt wurde und was dies in mir auslöst. Letztendlich drei Minuten Lücke in einer bis auf die letzte Sekunde durchgeplanten Zeit- und Arbeitsmaschine.

Es ist zwar nur wenig, aber vielleicht sind drei Minuten ein gewaltiger Schritt in einer Welt der bis auf die letzte Minute gefüllten Kalender, in einer Welt, in der selbst viele Kinder kaum eine halbe Stunde Muße und Raum zum freien Spielen mehr haben, in einer Welt in der Produktionszeiten auf Sekunden kalkuliert sind, in einer Welt des Funktionierens und der zu erfüllenden Erwartungen.

Papst Franziskus hat keine Angst, hier auszusteigen. Er hat keine Angst dem ins Gesicht zu schauen, was in dieser unverplanten und unverzweckten Zeit heraufsteigt. Er hat keine Angst, den oftmals perfekten theologischen und hierarchischen Systemen, in denen das Menschliche zum Problem wird, eine Lücke zu verpassen.  

Er hat Hoffnung, dass gerade diese kleine Lücke etwas Neues hervorbringt. Das in ihr die Kirche, diese alte Institution, neu fähig wird, auf das Heute und diese Welt zu hören. Und dies ist so wichtig, weil für Franziskus gilt „die Realität ist wichtiger als die Idee“ (Evangelium Gaudium) Dies wird im „Instrumentum Laboris“ der Jugendsynode den Synodenteilnehmer prominent bei Punkt 4 zitiert. Der (junge) Mensch und dessen konkrete Lebensrealität ist Ausgangspunkt und Zielpunkt der Frohen Botschaft. Um ihn geht es. Nicht um irgendwelche abstrakte Wahrheiten.

Was würde sich ändern in unserem Alltag, in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften, in unserer Kirche, wenn auch wird diesen Mut hätten immer wieder Lücken zu lassen. Lücken in denen nicht wir sprechen, sondern hören: auf die Menschen, auf die Jugendlichen, auf den Heiligen Geist.

Haben wir Mut zu Lücken, in denen junge Menschen mit ihrer Lebendigkeit, mit ihrer Kreativität, mit ihrem Einsatz für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, einen Fuß in die Tür unserer heiligen Kirche bekommen.

Haben wir Mut die Türen nicht zuzumachen, wenn der Jugendraum chaotisch aussieht, wenn junge Menschen laut und manchmal auch frech und unangepasst sind.

Haben wir Mut innezuhalten und auszuhalten, dass Gottes Geist spricht.

Haben WIR Mut zur Lücke.

Mut zur Lücke: Franziskus lässt die Synodenteilnehmer nach jedem fünften Wortbeitrag schweigen.

#synodenblog: Achtung – Missverständnis!? - 4. Oktober 2018

Um wen und was geht es bei dieser Synode? Um die jungen Menschen? Darum, dass sie in die Kirche gehen und gläubig sind? Darum, dass sie etwas zu sagen haben? Darum, dass unser Glaube wieder modern wird?

Und um welche junge Menschen soll es denn gehen? Die Studierten, die am Rande Stehenden oder etwa um die, die eine kirchliche Berufung in sich tragen? Und wie alt dürfen sie sein? Sind sie mit zehn Jahren noch zu jung, um gehört zu werden oder Zielgruppe zu sein, und mit 30 Jahren zu alt?

Die gestrige Predigt des Papstes in der Eröffnungsfeier der Jugendsynode hat mich unsicher gemacht. Geht es ihm für unsere Kirche nicht um etwas viel Umfassenderes? Geht es ihm nicht um die Kirche selber, um das Erbe der Heilsgeschichte Jesu? Ist für ihn die Entfremdung der jungen Menschen von der Kirche weniger ein Problem von deren Sprachfähigkeit oder Modernität, sondern vielmehr ein Zeichen, dass die lebendige Botschaft Jesu austrocknet und stirbt?

Wie kann es sein, dass Kirche, die doch irdische Gestalt der Dynamik der Liebe Gottes ist, welche die Welt verändert, sie menschlicher macht und SEIN Reich anbrechen lässt, die jungen Menschen nicht mehr erreicht? Wie kann dies sein?

Für mich war die gestrige Predigt zur Eröffnung der Synode ein Ruf an die Bischöfe, an die Synodenteilnehmer, an jeden von uns, dem Geist Gottes, seiner Lebendigkeit, seiner kreativen Dynamik wieder Raum zu geben. Erinnert Euch an die Begeisterung des Anfangs, an die Begeisterung Eurer eigenen Berufung, an den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Beginnt, neu Kirche zu träumen, genährt vom Traum Gottes, der das Heil aller Menschen will, der die Liebe in Fülle ist, der immer jung ist.

Christ zu sein, bedeutet jung zu sein. Es bedeutet, voller Hoffnung, Freude, Begeisterung und Neugier zu sein. Es bedeutet, getragen von der Osterfreude die Welt zu entdecken, zu gestalten und ihr Zukunft zu schenken. Deshalb sind wir Christen eigentlich der Jugend so nah, die diese Lebenshaltung doch aufgrund ihrer Lebensphase so sehr verwirklicht.

Um wen und was geht es also bei der Synode? Möglicherweise geht es um eine echte Conversio. Kehren wir wieder zurück zur Lebendigkeit der Jugend, auch und gerade wenn wir schon älter sind. Durch eine Conversio, die in der Begegnung mit Jesus Christus geschieht, aber die wir auch in der Begegnung mit den jungen Menschen, in den Gesprächen mit ihnen, im Auf-sie-Hören erfahren dürfen.

Damit für uns Christen und die Kirche gilt, was das Lied „Der Hoffnung Gesicht“ so wunderbar ins Wort bringt.  

Der Hoffnung Gesicht

1. Ihr seid der Heimat Gesicht,
den Heimatlosen Licht,
der Beginn einer neuen Welt.

KV: II: Keine neue Welt, die den Himmel verspricht,
keine neue Zeit, die das Heute vergisst.
Eine Welt, die leben lässt! :II

2. Ihr seid der Hoffnung Gesicht,
den Hoffnungslosen Licht,
der Beginn einer neuen Welt.

KV: II: Keine neue Welt, die den Himmel verspricht,
keine neue Zeit, die das Heute vergisst.
Eine Welt, die leben lässt! :II

3. Ihr seid der Zukunft Gesicht,
den Ahnungslosen Licht,
Der Beginn einer neuen Welt.

KV: II: Keine neue Welt, die den Himmel verspricht,
keine neue Zeit, die das Heute vergisst.
Eine Welt, die leben lässt! :II

Text: Thomas Laubach; Musik: Thomas Quast
(Aus: God for Youth, Benediktbeurer Liederbuch, Nr. 616)

Zum Anhören: Der Hoffnung Gesicht - https://www.youtube.com/watch?v=FhjxlyJL0II

Bild: Christ zu sein, bedeutet jung zu sein: voller Hoffnung, Freude, Begeisterung und Neugier.

#synodenblog: Gespannt! - 1. Oktober 2018

Gespannt! Mit diesem Wort möchte ich diesen Blog eröffnen. „Gespannt“ ist mein Inneres vor dieser Synode, aber auch vor dieser Aufgabe, hier Gedanken, Eindrücke und den einen oder anderen Kommentar zu diesem Ereignis als Ordensmann für und mit den jungen Menschen schreiben zu dürfen.

Das Bild eines Seiles, das unter gewaltiger Spannung ist und kaum nachgibt, scheint mir die Situation vor dieser Synode gut zu beschreiben. Zwischen hohem Aufwand, vielen Erwartungen und Hoffnungen unseres Papstes und der Kirche und dem „Was soll das alles? Es ändert sich doch sowieso nichts! Hier treffen sich doch nur alte Männer und die jungen Menschen können doch nur zuschauen!“ scheint kaum eine Brücke möglich.

Vergangenen Freitag durfte ich mit einer Gruppe die Ergebnisse einer Befragung von jungen Menschen aus unseren salesianischen Häusern dem Jugendbischof Stefan Oster SDB überreichen. Neben den vielen spannenden Aussagen, gerade auch der jungen Menschen am Rande, beeindruckte mich, wie wertvoll diese Begegnung den jungen Leuten war. Junge Menschen weit weg von der Kirche wollen die Begegnung mit Kirche, mit Orden, mit Menschen des Glaubens. Sie schreinern selber von sich aus ein Kreuz für den Bischof und die Synode. Und es erschrickt und erfreut mich zugleich, wenn der Jugendbischof im Gespräch mit diesen Jugendlichen feststellt, dass er für solche Begegnungen viel zu wenig Zeit findet. Hier liegt der große Erfolg dieses bisherigen vorsynodalen Prozesses, dass, auch wenn immer noch optimierbar, viel Kommunikation und Begegnung zwischen jungen Menschen und Kirche stattfand und stattfindet.

Ich wünsche mir, dass diese Synode ein Auftakt und kein Endpunkt für diesen Prozess des Dialoges mit der Freude, Hoffnung und den Sorgen dieser jungen Welt wird.

Ich wünsche mir, dass unsere Ordensgemeinschaften und Ordenshäuser, dass unsere Kirche zu diesem Seil werden, welches gespannt ist durch die Spannungen unserer Zeit, in der gerade die jungen Menschen leben.

Ich wünsche mir, dass dieses Seil den jungen Menschen ermöglicht, wie Seiltänzer hinüberzuwandern in ein tiefes gelingendes Leben, hin zu Jesus Christus selber.

Ich bin gespannt!

Gespannt: Jugendliche auf einer Slagline bei einem Fest der Salesianer Don Boscos in Würzburg. © SDB/Klaus D. Wolf

- Blogbeiträge sind Meinungsbeiträge des jeweiligen Autors und spiegeln nicht in jedem Fall die Auffassung der Deutschen Ordensobernkonferenz wieder. -