16.02.2014

Frühling - Zeit für einen Neubeginn

von Sr. Maria Georg Loos

Wann und wo ich diese kleine Geschichte gehört habe, weiß ich nicht mehr, aber ihr Inhalt und ihre Aussage wird bis zu meinem Lebensende mit mir gehen. Deshalb möchte ich dem Autor, auch wenn ich sie/ihn nicht kenne hiermit meinen Dank ausdrücken, und ich will die Geschichte und Botschaft mit Ihnen allen teilen.

In einem Eisenbahnabteil saßen drei Männer tief ins Gespräch vertieft. Ein vierter Passagier, ein junger Mann saß am Fenster, stierte in die vorüberziehende Landschaft hinaus und schien Welten entfernt zu sein. Dann aber bemerkte einer der drei, wie der junge Mann am Fenster unruhig und aufgeregt wurde.
Er sprach ihn daher an: "Junger Freund, ist etwas? können wir ihnen helfen? Sie scheinen mit einem Problem zu ringen." Der blieb lange Zeit stumm, aber in seinem Gesicht sah man, wie er mit sich rang. Endlich brach er sein Schweigen: "Sie haben recht, in mir tobt ein Sturm, und weil sie mich so freundlich angesprochen haben, will ich meine Geschichte mit ihnen teilen:

Ich saß 2 Jahre im Gefängnis und bin heute Morgen entlassen worden. Nun bin ich auf dem Weg nach Hause zu meinen betagten Eltern. Aber ich hatte sehr wenig Kontakt mit ihnen in den letzten Jahren, und ich weiß nicht, ob ich ihnen noch willkommen bin. Deshalb hatte ich sie angeschrieben, mir ein Zeichen zu geben, ob ich bei ihnen noch ein zuhause habe. Sie sollten ein langes weißes Band an unseren alten Kirschbaum binden, wenn sie mich wiedersehen wollten. Wir müssen in Kürze an unserem Garten und dem Kirschbaum vorbeifahren. Wenn ich kein Band sehe, werde ich weiterfahren, und mir irgendwo ein neues Leben aufbauen, allein und in der Fremde." Die drei Männer waren sehr betroffen durch diese Worte, und alle drei reckten nun die Hälse, um dem jungen Mann zu helfen, Ausschau zu halten. Und dann sahen sie es, und einer rief: "Da schauen sie, kein weißes Band, - ein ganzer Baum voll weißer Schleifen." Und der junge Mann brach in Tränen aus, packte seinen Rucksack, umarmte die drei und eilte aus dem Abteil. Und auch die Männer wischten sich verstohlen eine Träne aus den Augen, als sie ihm nachsahen, wie er am Bahnhof um die Ecke verschwand.

Eine schöne Geschichte von Vergebung, von Mitleiden und Mitfreude. Aber für mich ist es noch viel mehr: So groß ist das Verzeihen Gottes und seine Vergebung, dass er uns nicht nur einen Baum voll weißer Schleifen beschert, sondern tausende und abertausende Bäume jedes Frühjahr in weiße Blüten kleidet.

Immer wieder neu, immer wieder in herrlicher weißer Pracht: Komm heim - ich warte auf dich -, Ich sorge mich um dich. - Mein Verzeihen ist dir sicher. Aber gleichzeitig birgt sich auch der leise Auftrag in diesem Zuneigungsbeweis:

Geh hin, und tu das Gleiche.

Ist nicht der kommende Frühling mit seiner versprechenden Blütenpracht neu Anstoß für uns, auf die zuzugehen, die wir für einige Zeit übersehen haben? Jenen zu verzeihen, durch die wir uns gekränkt oder verletzt fühlten?