14.09.2014

Was tut man, wenn man 100 wird?

von Sr. Sara Böhmer OP

Was tut man, wenn man 100 wird? Man steigt aus dem Fenster und verschwindet… So jedenfalls heißt es bei Jonas Jonasson in seinem Erfolgsbuch "Der 100 jährige der aus dem Fenster stieg und verschwand." Ein skurriles Buch, das mit viel schwarzem Humor durch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts führt und dabei manches Großereignis der Weltgeschichte aufs Kleinste herunterbricht - auf die Ebene eines zunächst Unbeteiligten, der dann gegen seinen Willen doch beteiligt wird.

Nun sind die wenigsten von uns 100. Aber die Erfahrung, auch im Kleinsten an der großen Geschichte beteiligt zu sein, dürfte vielen nicht fremd sein. In diesen Tagen des Erinnerns zweier Weltkriege und der Gegenwart schrecklicher Gewalt in vielen Teilen unserer Erde wird uns das vielleicht mehr bewusst als sonst. Wir waren oder sind beteiligt, auf die eine oder andere Weise. Durch unser Denken, Reden, Tun und Lassen, durch unsere Entscheidungen, so oder so.

An diesem Sonntag werden wir, unsere Kongregation der Dominikanerinnen von Bethanien, 100. Auch unsere Geschichte ist geprägt durch die große Weltgeschichte: im ersten Weltkrieg aus Frankreich vertrieben und in den Niederlanden gelandet, nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Schicksal der Kinder von Kollaborateuren in den Niederlanden zu Kinder- und Jugenddörfern gekommen, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Lettland gerufen. Unsere Kongregation hat Geschichte geschrieben - in der großen Geschichte der Menschheit. Ein paar Zeilen nur, vielleicht verschmiert und nicht so leserlich. Und wir wissen noch nicht, welche Geschichte wir nun schreiben sollen, in den schwierigen Zeiten des 21. Jahrhunderts.

Als Menschen sind wir gerufen, Geschichte zu schreiben, ein paar Zeilen in der großen Weltgeschichte hinzuzufügen. Wenn wir dies bewusst als Menschen der Hoffnung tun, als Menschen, die darauf vertrauen, dass jede Geschichte von Gott her eine gute Geschichte werden kann, dann tragen wir mehr als nur ein paar Zeilen bei. Dann bauen wir mit, an diesem wunderbaren Reich Gottes, das aus einem Kreuz heraus gewachsen ist. Und dann - müssen wir ganz sicher nicht aus dem Fenster steigen und verschwinden!