26.04.2018

Der Mandelzweig erblüht

Erinnerungen an das DP-Krankenhaus in St. Ottilien

 „Hunderte spindeldürrer, abgemagerter, blasser, skeletthafter und ausdrucksloser Gestalten.“ So beschreibt Robert L. Hillard, was er am 27. Mai 1945 in St. Ottilien vorfand. Diese Gestalten standen vor und auf einer improvisierten Bühne und spielten Mahler und Mendelsohn - Musik die jahrelang verboten war. Dieses Ereignis ging als „Befreiungskonzert“ in die Geschichte der Abtei St. Ottilien ein. Es war ein Konzert, organisiert von gerade erst dem Tod entronnen Menschen – Menschen die in St. Ottilien Schutz gesucht hatten. Einen Monat zuvor ereignete sich ein Anschlag auf einen Zug in Oberbayern, 200 Menschen starben. Die Überlebenden fanden in St. Ottilien Unterschlupf und wurden dort versorgt. 500 weitere frühere KZ-Häftlinge kamen nach. Für sie alle wurde das dortige Militärkrankenhaus, das 1941 errichtet wurde, in ein Hospital für „displaced persons“ umgewandelt. In der Zeit bis 1948 wurden hier mehrere tausend Patienten behandelt. Neben dem Krankenhaus entstanden ein Lager und ein Geburtenhaus in dem über 400 Kinder zur Welt kamen. Versorgt wurden die Verletzten von deutschen Ärzten und Krankenschwestern, von Nonnen und Mönchen, sowie zunehmend auch von jüdischem Pflegepersonal. Rasch entwickelten sich auf dem Gelände der Abtei die notwendigen Alltagsstrukturen jüdischen Lebens: eine Betstube, ein Kindergarten, eine Talmudschule, eine koschere Küche, ein Sport- und Schachclub, sowie Berufsausbildungskurse und politische Parteien. Im Juli desselben Jahres trafen sich Juden aus allen Besatzungszonen und formierten hier ein erstes jüdisches Zentralkomitee

In einem Gedicht schreib Schalom Ben-Chorin über einen Ort an dem „der Mandelzweig wieder blüht und treibt“ – so ein Ort ist St. Ottilien für viele tausende Menschen gewesen. Pater Cyrill Schäfer, hat eine Internetseite erstellt, die als digitales Archiv der Zeit 1945-1948 dient. Er weiß zu berichten, dass zahlreiche Angehörige immer wieder nach St. Ottilien kommen um sich über ihre Vorfahren zu informieren. An sie erinnert in diesem Jahr eine Ausstellung im jüdischen Museum in München,  die von den Benediktinern initiiert wurde. In diesem Jahr jährt sich das Ende des Spitals zum 70. Mal. Ein guter Anlass, diese bisher wenig thematisierte Facette der Klostergeschichte zu beleuchten. Den Auftakt bildet dabei am 7. Mai das Anbringen einer Gedenkplatte an das Befreiungskonzert. Im Juni findet dann die feierliche Eröffnung der Ausstellung statt, sowie ein dreitägiges internationales Symposium zum Hospital. Weitere Informationen zur Veranstaltungen finden sich auf der Internetseite von Pater Cyrill.