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20.06.2020

Wie geht eigentlich Ordensausbildung heute? (Teil 2/2)

Sr. Ursula Hertewich OP

Wie läuft Ordensausbildung heute praktisch ab? Wann ist sie zu Ende? Und was ist dabei noch wichtig? Über diese und weitere Fragen hat orden.de mit Sr. Ursula Hertewich gesprochen, Arenberger Dominikanerin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Formationsleiterinnen bei der DOK. Das Interview besteht aus zwei Teilen, hier geht es zu Teil 1.

orden.de: Wie läuft die Ordensausbildung heute denn – rein praktisch gesehen – ab?

Sr. Ursula Hertewich: Das kann ich nur für unsere Gemeinschaft beantworten, weil es von den unterschiedlichen Gemeinschaften auch verschiedene Ausbildungskonzepte gibt. Bei uns ist das Postulat die Zeit des ersten Einlebens, in der es um grundlegende Dinge geht: Grundlagen in Ordensgeschichte, Kirchengeschichte, Heilige Schrift, theologische Fragestellungen. Dadurch ist das Postulat einerseits sehr durch das Kennenlernen der Gemeinschaft geprägt, davon, dass ich die Gemeinschaft, die ich zuvor vielleicht schon häufig besucht habe, von innen kennen lerne und auch merke, was es bedeutet, auf Dauer mit Menschen zusammen zu leben, die ich mir nicht ausgesucht habe. Da merkt man vielleicht auch, dass die Mitschwestern keine Heiligen sind. Ich glaube, da ist die Ausbildung im Bereich des Kennenlernens fast intensiver als die Unterrichtsinhalte. Einige Gemeinschaften legen schon erste Praktika ins Postulat, wo es möglich ist, sich selbst in einem anderen Kontext zu erfahren, als man es gewohnt ist. Und dann beginnt nach ca. sechs Monaten bis zwei Jahren Postulat das Noviziat, das in unserer Gemeinschaft zwei Jahre dauert. Das erste Jahr ist das „kanonische Jahr“, das kirchenrechtlich vorgeschrieben ist. Da beginnt eine Zeit großer Konzentration, in der es ganz wenige Kontakte nach außen gibt und man fast das ganze Jahr im Kloster ist, abgesehen von den verschiedenen Werkwochen, die da von verschiedenen Ordensgemeinschaften stattfinden. In der Zeit geht es im Unterricht auch um die Themen Gelübde, Biographiearbeit, Persönlichkeitsfragen, alles, was grundlegend ist, um in dieser Lebensform glücklich zu werden, und um die eigene Berufung. In dieser Zeit wird ein fast schon künstlicher Raum erzeugt, in dem man im wahrsten Sinne des Wortes „zu Grunde“ gehen kann, in dem man nochmal tiefer schürfen kann als das, was ich bisher von mir wusste. Ich halte sehr viel von dieser konzentrierten Zeit und mir persönlich hat es damals auch ganz viel gebracht, mich nicht durch das zu definieren, was andere von mir sagen oder durch das, was ich durch meine Arbeit leiste. Die Fragen sind vielmehr: Wer bin ich? Was kann ich? Und: Was will ich?

Im zweiten Noviziatsjahr werden dann Praktika eingebaut, um nochmal andere Facetten unserer Sendung kennen zu lernen. Da kann in diesem überschaubaren Zeitraum auch getestet werden, wie ich Gebets- und Arbeitsleben in Einklang bekomme, wie es sich anfühlt, mal in einem anderen Konvent mitzuleben, wie ich mich in der Gemeinschaft nochmal in einem anderen Kontext erlebe. Danach – nach frühestens zweieinhalb und spätestens viereinhalb Jahren, je nachdem, wie lange das Postulat gedauert hat – beginnt das Juniorat. P. Franz Meures hat da mal gut gesagt, dass da eigentlich die wichtigste Zeit der Ausbildung beginnt. Denn auf der einen Seite ist das noch ein Ausbildungskontext, auf der anderen Seite bin ich aber schon Professschwester und voll im Arbeitseinsatz und kann dann schauen, wie ich dieses Leben gebacken kriege. Wie bekomme ich das mit dem in Einklang, was ich theoretisch im Noviziat gehört habe? Wie fühle ich mich zum Beispiel in einem anderen Konvent? Das Juniorat ist also eigentlich eine Praxiszeit, die zumindest bei uns noch einmal vier bis sechs Jahre dauert und in der ich nochmal schauen kann, ob das für mich überhaupt lebbar und realistisch ist oder woran es vielleicht auch mangelt: Welche Stellschrauben fehlen zum Beispiel, damit ich in dieser Lebensform auch wirklich Fülle erfahre? Dieser Übergang, in dem manche dann sehr auf sich alleine gestellt sind und dann auch in anderen Konventen leben, ist oft sehr herausfordernd. Leider ist es so, dass die Meisten die Gemeinschaften im Juniorat wieder verlassen und nicht im Noviziat, das ja eigentlich die Zeit der Prüfung ist.

orden.de: Ist Ordensausbildung für Sie auf diesen Zeitraum beschränkt oder würden Sie es auch als lebenslanges Lernen bezeichnen?

Sr. Ursula: Bei uns ist es definitiv lebenslang, auch als Gemeinschaft. Wir haben in unseren Konstitutionen sogar die lebenslange Formation drinstehen. Denn wir sind ja nie fertig und ich glaube schon, dass es auch im Selbstverständnis einen Unterschied macht zu sagen: Ich bin auf dem Weg, ich bilde mich immer weiter. Formation im besten Sinne bedeutet für mich nicht, dass ich mich in irgendein System reinpresse, sondern dass ich mich dafür entscheide, ein Leben lang zu wachsen – auch im gemeinschaftlichen Kontext. Mich natürlich schon in eine Gemeinschaft hinein zu schmiegen, wo ich mich auch immer mal wieder anpassen muss – schließlich tritt die Postulantin bei uns ein und nicht wir bei der Postulantin. Aber es geht eben auch darum, diese Gemeinschaft zu formen – miteinander. Das ist kein Prozess, der für mich von oben nach unten geht, sondern das ist ein Prozess des Miteinanders: Wie wird eine Gemeinschaft tatsächlich auch fruchtbar, wie wird eine Gemeinschaft lebendig? Und das geht eben nicht, indem ich Konflikten aus dem Weg gehe, indem ich Bedürfnisse leugne, indem ich den Weg des geringsten Widerstandes wähle. Sondern das geht durch lebenslange Bildung, durch lebenslanges immer-wieder-neu-miteinander-Beginnen und manchmal auch durch lebenslanges Ringen. Eine gute Formation ist also viel Arbeit. Und die ist nie abgeschlossen.

Was ist Ihnen denn persönlich noch wichtig bei diesem ganzen Themenfeld der Ordensausbildung?

Sr. Ursula: Wo ich merke, dass es manchmal unglaublich anspruchsvoll wird, das ist das Miteinander von Jung und Alt. Die allermeisten Ordensgemeinschaften haben einen sehr hohen Altersdurchschnitt und ich glaube es gibt die Gefahr, dass es den jungen Frauen, die bei uns eintreten manchmal nicht vergönnt wird, ihre eigene Dynamik zu leben. Also nicht in ein Altersheim einzutreten, sondern ihren eigenen Lebensrhythmus und ihre eigene Lebensdynamik  leben zu können. Ich glaube, da braucht es wie nie zuvor eine gegenseitige Rücksichtnahme, die ich existenziell finde. Das ist mir neulich erst selbst so gegangen: Wenn ich merke, wie viel Rücksicht wir als junge Schwestern auf die alten Schwestern nehmen und trotzdem die alten Schwestern manchmal den Eindruck haben, dass die jungen nur „ihr Ding“ machen und das eigentlich überhaupt nicht so ist. Da sind schon manchmal Konflikte da, die wechselseitig gar nicht so bewusst sind. Und ich finde, die Herausforderung, in der heutigen Zeit noch junge Menschen in eine so alte Gemeinschaft aufzunehmen, ist riesengroß. Aber ich glaube, die meisten Gemeinschaften haben auch auf dem Schirm, was das gegenseitig bedeutet. Es ist schade, dass das immer noch sehr häufig schief geht und dass dann viele auch wieder gehen, auch sehr enttäuscht, weil sie merken, dass das Alte eben doch sehr mächtig ist. Bei uns sind von 100 Schwestern noch 20 unter 60 und davon fünf unter 50. Das ist natürlich eine riesige Schräglage, die sich auch im Ausbildungskontext bemerkbar macht. Und das ist natürlich eine große Herausforderung.