22.07.2020

"Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf": Klösterliche Gastfreundschaft in der Großstadt

In Zeiten, in denen religiöse Bindungen für Viele nicht selbstverständlich sind, suchen immer mehr Menschen Antworten auf die Fragen unserer Zeit: Was ist wichtig im Leben? Was gibt mir Halt? Wie sind gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen einzuordnen? Anfang Juli sagte Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die Kirche könne sich zu einer Art Wegstation entwickeln, an der die Menschen offene Türen, Menschen mit offenen Ohren und Herzen und einem lebendigen Wort finden könnten; Gastfreundschaft zähle seit Urzeiten zu den am meisten geschätzten christlichen Begabungen.

Auch Klöster können solche Orientierungspunkte und Wegstationen für suchende Menschen sein – auch in der Coronakrise. Menschen mit ihren verschiedenen Weltanschauungen können dort ihr Leben und die „Zeichen der Zeit“ im Licht Gottes deuten und verstehen, gesellschaftliche und kirchliche Vorgänge reflektieren, sich mit anderen Menschen austauschen und an vielfältigen Formen der Liturgie teilnehmen. Unsere Artikelreihe beschäftigt sich mit Kloster-„Typen“, die so auch auf unserer Geistlichen Landkarte zu finden sind - auch wenn sie natürlich nicht alle scharf voneinander abzugrenzen sind. Vielleicht ist ja auch ein mögliches Ziel für Sie dabei?

"Damit keiner seine Suppe selber auslöffeln muss...": Die Löffelwand vor dem "Gasthaus" in Recklinghausen © Gasthaus Recklinghausen

Stolpert man in Recklinghausen zufällig über das „Gasthaus“ im Herzen der Stadt, bietet es zunächst einen ungewöhnlichen Anblick: Löffel über Löffel hängen an einer breiten, orangefarbenen Wand vor dem Eingang. Seit 40 Jahren betreuen Ordensschwestern und -brüder aus verschiedenen Ordensgemeinschaften in Kooperation mit der örtlichen Pfarrgemeinde das Gasthaus und die Gastkirche; die Türen sind immer geöffnet für Menschen, denen es aus den verschiedensten Gründen nicht gut geht: Obdachlose, Flüchtlinge, Senioren am Existenzminimum, Alleinerziehende in Not, Suchtkranke. Und die Löffel am Eingang? Die stehen für den offenen Tisch, der dort seit über 600 Jahren existiert – damit „niemand die Suppe allein auslöffeln muss.“ Und die Angebote – Beratung für Ort, Frühstück und Mittagessen, Wasch- und Duschmöglichkeiten, ärztliche Untersuchungen und Beratungen, Kleiderkammer und Gastzimmer – werden dankbar angenommen.

Der Begriff der „Citypastoral“ ist ein modernes Wort, beschreibt aber eigentlich eine alte Tatsache: schon lange sind Kirchen und Seelsorgezentren in den Zentren von großen Städten zu finden – das gilt für Pfarrgemeinden wie für Klöster. Der grundlegende Gedanke: Kirche kann die Menschen dort erreichen, wo sie leben – nicht nur räumlich, sondern auch in ihrem Alltag. Offene Kirchen in der Stadt bieten heute viele Gelegenheiten zu Begegnung und (religiöser) Einkehr: Gesprächs- und Beichtmöglichkeiten, Abendveranstaltungen, Fortbildungen, Angebote für Menschen, die sich von kirchlichen Strukturen nicht angesprochen fühlen und doch nach dem Sinn des Lebens fragen und natürlich die Möglichkeit zu Eucharistiefeiern und anderen Gottesdiensten mitten am Tag.

Manch eine Ordensgemeinschaft macht solche Angebote. So sind Stätten der Spiritualität und der Begegnung entstanden. Darüber hinaus stehen häufig jene Menschen in den Städten im Fokus, die von der Mehrheit der Gesellschaft kaum beachtet werden: So öffnen –  wie das Gasthaus in Recklinghausen – auch viele andere Klöster in Städten ihre Türen für Wohnungs- und Obdachlose und bieten ihnen Mahlzeiten und den Zugang zu sanitären Einrichtungen an. Der „Franziskustreff“ der Kapuziner in Frankfurt am Main bietet auch Sozialberatungen an. Auch die Missionsärztlichen Schwestern haben es sich in ihren Niederlassungen in verschiedenen deutschen Großstädten besonders zur Aufgabe gemacht, da präsent und für andere da zu sein, wo sie selbst leben.

In Recklinghausen ist aus alldem sogar auch die Arbeit mit Strafgefangenen erwachsen. Neben kulturellen Angeboten ist das Gasthaus einmal im Jahr zudem Ziel der NRW-weiten Obdachlosenwallfahrt. Die Corona-Pandemie hat auch vor dem Gasthaus nicht haltgemacht: Wie in vielen Seelsorge- und Citypastoralzentren mussten viele Veranstaltungen entfallen. Das Haus und die Kirche waren und sind aber geöffnet.

Es finden sich derzeit 17 städtische Seelsorgezentren auf der geistlichen Landkarte auf orden.de.