07.10.2018

Vom Fels zum Wasserteich

„Menschenwerke müssen all` vergeh`n! Ewig, ewig bleibt das Kreuz besteh`n und die Kirche Gottes wird nicht untergeh`n!“ Wenn wir in der Pfarrjugend meiner Heimatgemeinde in Karl-Marx-Stadt diesen Kanon gesungen haben, dann war das nicht nur Ausdruck unseres Glaubens, sondern immer auch  Ausdruck unseres Widerstandes gegen die Rede vom Sieg des Kommunismus und des „wissenschaftlichen“ Atheismus, die wir Tag für Tag in der Schule zu hören bekamen.

Wenn man dann, Jahrzehnte später, in Novosibirsk und in Moskau in der katholischen Kathedrale die hl. Messe mitfeiert, dann geht einem das schon sehr unter die Haut. Man hat das Gefühl,  ein Wunder zu erleben. Jedenfalls erging es mir so, als ich vor wenigen Wochen in Russland das 25 – jährige Ortsjubiläum unserer Schwestern in diesem Land mitfeiern durfte.

Nicht nur die Tatsache, dass die Schwestern unserer Kongregation dazu beitragen, dass die katholische Kirche dort wieder auflebt, wo sie mehr als 70 Jahre unterdrückt und verfolgt wurde, war der Grund unserer Festfreude, sondern auch die Erfahrung, dass unser Ordenscharisma offenbar in diesem Land  „angekommen“ ist und Wurzeln gefasst hat. Denn zu den 28 Elisabeth – Schwestern, die jetzt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion leben und arbeiten, gehören inzwischen 8 einheimische Schwestern.  

Der Anfang der ersten drei Schwestern vor 25 Jahren war mehr als armselig und es gehörte viel Mut dazu, nicht aufzugeben. Auch heute sind Arbeit und Leben dort nicht leicht. Vielen Menschen ist alles, was mit Religion zusammenhängt, irgendwie suspekt, die katholische Kirche wird als Vertreterin der westlichen Welt mit doppeltem Argwohn betrachtet und Ausländer, die im Lande bleiben wollen, sind nirgendwo beliebt, auch nicht, wenn sie Gutes tun.   

Die Menschen aber, denen der Dienst der Schwestern in den inzwischen 10 Niederlassungen gilt, schätzen die Schwestern und sind dankbar für ihr Dasein.  Die Gruppen der Notleidenden in Russland unterscheiden sich nicht von denen hierzulande und die Hilfe, die die Schwestern gemeinsam mit vielen Mitarbeitern der Caritas und in den Pfarrgemeinden anbieten, ist immer unzureichend. Das wird sich wohl auch kaum ändern. Dennoch waren die Tage in Russland für mich eine große Ermutigung, weil ich viele Zeichen dafür gesehen habe, dass Gott auch heute noch „den Fels zum Wasserteich wandeln und Kieselgestein zu quellendem Wasser machen kann“ (Ps 114).