25.11.2018

Überraschung

Ich bin ein Novemberkind und fand es als Kind immer ganz schrecklich, in dieser dunklen Zeit Geburtstag zu haben. Einmal hat mich meine Patentante gedrängt, ihr doch zu sagen, was ich mir denn zum Geburtstag wünsche. Als ich nichts sagte, wurde sie unwillig und meinte, sie würde mir ein Schild umhängen: „Wunschlos glücklich!“ Ich erinnere mich noch gut, wie enttäuscht ich über diese Reaktion war. Ich fühlte mich einfach nicht verstanden. Natürlich wollte ich ein Geschenk! Aber ich wollte, dass es eine Überraschung für mich wird, dass sie sich eine Überraschung für mich ausdenkt. Das war mir wichtiger als das Geschenk selber und hätte für mich den Wert eines jeden Geschenkes gesteigert!

Wenn ich diese kleine Szene heute reflektiere, dann berührt mich das unbefangene Vertrauen, das ich als Kind hatte, das Vertrauen, dass eine Überraschung nur gut und schön sein kann - ohne Angst vor Enttäuschung. Ein solches Urvertrauen ist Gnade. Daraus kommen Entdeckerfreude und eine Lust am Leben, die bereit ist, sich dem Neuen, Fremden vorbehaltlos zu öffnen in der Erwartung, dass das Leben eine einzige positive Überraschung ist…

Aber das stimmt ja so nicht. Es gibt auch böse Überraschungen – und eine berechtigte Angst davor. Und diese dunklen Tage und auch die Texte in der Liturgie, die vom Ende sprechen, lassen die Angst nicht kleiner werden.

"Wer Vertrauen hat, erlebt jeden Tag Wunder." (Epikur) Ja, es braucht Vertrauen und eine mutige Geduld, die eine Frucht der Reife ist.

Man muss den Dingen

die eigene, stille

ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt

und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen – und

dann gebären… (…)

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,

und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,

wie verschlossene Stuben,

und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,

ohne es zu merken,

eines fremden Tages

in die Antworten hinein.

(Rainer Maria Rilke)