09.12.2018

Advent - Opium für das Volk?

von Sr. M. Dominika Kinder

In einer Einführung in den Advent las ich neulich: „Die Wochen des Advents sind jedes Jahr neu die Zeit der Erwartung und Bereitung. Vorbereitung auf das Kommen des Herrn, hier und jetzt. Zeit der großen Hoffnung, die aus dem Glauben kommt. …“

Dem ist nichts hinzuzufügen, oder doch? Erwarten wir wirklich nur das Kommen des Herrn im Hier und Jetzt? Ich gestehe, dass mir das nicht genügt. Geht es im Advent (und nicht nur dann) nicht auch um den Ausblick auf das, was nach dem Hier und Jetzt kommt?

Vielleicht hat man in früheren Zeiten zu oft von der himmlischen Zukunft gesprochen ohne recht daran zu glauben, dass der Herr seine Verheißung  „Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ wirklich wahr macht. Dieser Mangel an Glauben führte in vielerlei Hinsicht zu einer Haltung der Resignation und Passivität gegenüber den Problemen der Welt. Das aber ist, wie Karl Marx richtig anmerkte, „Opium für das Volk“.

Die Erwartung der Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit ganz aufzugeben, sie nicht mehr zu thematisieren, wenn nicht gar zu leugnen, kann aber auch nicht die Lösung sein. Und das nicht nur, weil es dem biblischen Befund nicht gerecht wird, sondern vor allem um der Menschen willen.

Was ist denn mit denen, die in ihrem Leben das Kommen des Herrn, seine Gegenwart und Nähe nicht wahrnehmen und „genießen“ können, weil sie alle körperlichen und psychischen Kräfte drangeben müssen, um zu überleben? Die Hoffnung, dass dieses Elend einmal ein Ende haben wird, weil der Herr dann der endgültig Gekommene ist, kann ein Trost sein, der sie vor der Verzweiflung bewahrt.

Aber auch die Menschen, denen Gott in ihrem Leben begegnet ist, die das Kommen des Herrn im Hier und Jetzt beglückend und stärkend erfahren haben, wünschen sich nichts sehnlicher, als dass diese Erfahrung zu einem bleibenden Zustand wird, was unserer conditio humana aber leider nicht entspricht.

Die Wiederkunft des Herrn nicht aus dem Blick zu verlieren, scheint mir aber auch eine Frage der Dankbarkeit gegen Gott zu sein. Denn die Chance, an seiner Herrlichkeit Anteil zu bekommen, ist sein Geschenk, erkauft um einen hohen Preis. Sie ist nicht das logische, gesetzmäßige Finale dieser Weltzeit. Deshalb wird dieser Tag „Jüngster Tag“ und nicht „letzter Tag“ genannt. Er ist der absolute Neuanfang, das Angebot der göttlichen Liebe.

Die Zeit des Adventes kann eine gute Möglichkeit sein, um uns daran erinnern zu lassen, dass unsere Sehnsucht über das Hier und Jetzt hinausreichen darf.