23.12.2018

Da haben die Dornen Rosen getragen

von Sr. Scholastika Jurt OP

Dornen. Mauern. Härte und Kälte. Wir haben genug davon. Sie verletzen, machen krank, schüren Hass und Gewalt. Die sich häufenden Nachrichten über das Unvorstellbare menschlichen Leids, wo und wie auch immer, erschüttern unser Herz und bringen uns zuweilen fast um den Verstand. Wir laufen uns wund an Themen, die sich um Ämter und Titel drehen, um den Ort der Frau in unserer Kirche, der auch den Ort des Mannes bestimmt. Wir haben genug davon. Wer ein Herz aus Fleisch hat, sucht das Heilende, das Erlösende aus allem Bösen. Warten wir nicht sehnlichst auf dieses aufblühende Leben inmitten schier unaushaltbaren Kriegen und Wortgefechten? Mehr denn je brauchen wir not-wendend eine starke, unerschütterliche Hoffnung auf das Leben, das sich auch in verletzenden Dornenästen zeigt.
Da wird uns in einem alten Lied aus dem 19. Jahrhundert eine junge Frau vor Augen gestellt, die ein werdendes Kind durch den Dornenwald trägt. Maria. Sie geht mit einem Kind, das, selbst auf liebende, behutsame, zärtliche Fürsorge angewiesen, die Welt zu verändern vermag.
Verwegener Weihnachtsglauben? Träumerische Liebe?

"Und die Liebe hat sich verschenkt an die niedrigen Dinge,
an die geteilte Mahlzeit auf gesprungenem Porzellan,
an die kleinen Blicke, die den anderen suchen,
an den Seufzer, der auf Erwiderung wartet.
Sie hat sich verschenkt
an das Zittern der Stimme, die den Geliebten ruft,
an den honiggelben Morgen, der uns Verzeihen lehrt,
und an die leise Geste, die nichts verspricht,
als dass wir hier, an den Schwellen, die wir fürchten,
einander Zuflucht sind."

In diesen poetischen Worten von Giannina Wedde leuchtet das Geheimnis von Weihnachten auf:
GOTT kommt nicht als Unverwundbarer und Mächtiger.
Er kommt als Kind und kommt ganz alltäglich. Sagen wir: die Liebe kommt nicht groß daher, unverwüstlich und mächtig, sie kommt alltäglich und wird sichtbar in einem geteilten Mahl, in einem erwiderten Blick, in einer Geste der Vergebung. Sie wird Zuflucht an den Schwellen, Grenzen und Zäunen unserer Welt.

Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen!

Wir haben die Liebe nicht als Besitz, sie ist nicht käuflich und keine Ware. Liebe wächst, oft auch durch schmerzliche Prozesse und Krisen. Das Mehr an Liebe gedeiht fernab von Leistung und Effizienz. Zuweilen gehen wir lange Wege der Versöhnung und des Heilwerdens, bis die Liebe vollen Raum bekommen darf. Weihnachten zeigt uns, dass wir in das Wesentliche unseres Lebens hineinwachsen. Wir stehen in den Geburtswehen dieser Liebe. Es ist das alte Lied: Christus will in uns getragen, in uns geboren werden. Lassen wir es zu.