23.06.2019

"Die Wahrheit macht uns frei!"

von Sr. M. Dominika Kinder

In seine Berichte aus der Heimat, dem Riesengebirge, flocht mein Vater, er war Jahrgang 1919, gelegentlich die Bemerkung ein, dass es dort „ein Haus für gefallene Priester“ gab. Wir Kinder waren hinreichend informiert, worin dieses „Gefallensein“ bestand. Mutter mochte diese Bemerkungen nicht, er aber bestand darauf, dass es für jeden Christen wichtig sei, darum zu wissen, dass es in der Kirche, die er sehr liebte, nicht nur weiße Schafe gibt. Für diesen realistischen Blick auf die Kirche und seine amtlichen Vertreter bin ich meinem Vater sehr dankbar. Als Schülerin in einer sozialistischen Schule hat mir dieses Wissen geholfen, die von den Lehrern uns Katholiken fast persönlich zum Vorwurf gemachten dunklen Kapitel der Kirchengeschichte in meine Glaubensgeschichte einzuordnen und nicht in die Falle eines kirchlichen Triumphalismus zu laufen.

Heute hilft mir dieser nüchterne und oft ernüchternde Blick angesichts der vielen Missbrauchsfälle in der Kirche, nicht an Gott und Kirche zu verzweifeln.  „Wo Menschen sind, da menschelt‘s!“ Diesen Spruch benutzen wir alle hin und wieder, wenn es um die Schattenseiten in unseren Gemeinschaften und in der Kirche geht, als eine Art Entschuldigung. Mir scheint aber, dass wir dabei oft nicht wahrhaben wollen, dass der Mensch leider nicht nur „ein kleines Sünderlein“ ist, sondern dass er zu himmelschreienden Untaten fähig ist, die so nicht zu entschuldigen sind.

Vielleicht ist es das, was wir durch die gegenwärtige „Missbrauchsgeschichte“ wieder lernen sollen, dass die Sünde (letztlich jede Sünde) eine zutiefst zerstörerische Macht hat, dass sie einen Abgrund schafft, den der Mensch nicht ausgleichen kann. Das Leid der Missbrauchsopfer ist gewissermaßen der „verleiblichte“ Beweis dafür. Dass dies auch die Bedeutung der Erlösung durch Jesus Christus neu beleuchtet, sei nur am Rande erwähnt. Aber wenn bei der diesjährigen DOK – Mitgliederversammlung in Vallendar u.a. auch die Fragen nach der theologischen Bedeutung des Missbrauchsskandals gestellt wurde, dann gehört dieser Aspekt für mich unbedingt dazu.

„Die Wahrheit macht uns frei“ war das Thema des Studientages bei der Mitgliederversammlung. Gemeint ist: „Die Erkenntnis der Wahrheit wird uns frei machen!“ Und jede Erkenntnis beginnt mit dem nüchternen, unverstellten Blick auf die Realität; mit dem Blick, der fähig und bereit ist, das Gute als gut und das Böse als böse zu erkennen und zu benennen.

Letztlich hat nur Gott diesen Blick. ER aber hat uns seinen Heiligen Geist gegeben, damit wir mit seinen Augen sehen lernen und so selbst frei werden und anderen zur Freiheit verhelfen können.