07.07.2019

Kompliziert und schwierig?!

von Sr. Sabine Adam CJ

Ich stolpere zuweilen über Worte wie „kompliziert" oder „schwierig", gesprochen meist von leitenden Schwestern über Mitschwestern und Gemeinschaften. Sr. X ist schwierig. Gemeinschaft Y ist kompliziert. Oft kommt dann noch ein „zu" dazu: Schwester Z ist zu kompliziert.

Was meine ich, wenn ich Sr. X kompliziert nenne? Dass sie sehr penibel ist, auf die Minute pünktlich das Abendessen abräumt, damit sie und ihre Mitschwester noch rechtzeitig zum Abendgebet kommen? Dass sie sich ärgert, wenn jemand zu spät zum Essen kommt?  Was habe ich damit gesagt? Dass der Speisesaal ein Sack Flöhe ist und Sr. X es allen recht machen will - vielleicht.

Was meint eine 80-jährige Schwester mit Rollator, wenn sie mich „zu schnell" nennt?

Wie kommt es bei einer Schwester an, die über sich hört: „Sie ist zu kompliziert“? Vielleicht: „Du bist schuld daran, dass wir dich nicht in Gemeinschaft Y senden können." Die Schwester weiß dann, dass es ihre Schuld ist. Was sie nicht weiß, ist, was sie kompliziert macht oder warum sie kompliziert erscheint. Und so kann sie auch nichts ändern.

„Kompliziert" und „schwierig" sind scheinbar höfliche und objektive Begriffe. Tatsächlich sind sie unkonkret und drücken eine subjektive Be- oder Abwertung aus.

Welches Verhalten verbirgt sich dahinter? Welche Ängste? Und auch welche Stärken?

Ich glaube, dass es eine gute Übung wäre, mal auf diese Worte und Wertungen zu verzichten und stattdessen zu beschreiben. Das dauert länger, aber die Schwestern, die Gemeinschaften und wir selber würden bunter dadurch. Und vielleicht würde das, was uns aktuell als „zu kompliziert" resignieren lässt, uns zukünftig als „kennt alle Ecken und Winkel im Speisesaal oder „bastelt die schönsten Papiersterne" oder „beobachtet genau und kommentiert erlesen boshaft" oder „hat in einem Satz mindestens fünf Ideen" auf ganz neue Möglichkeiten bringen.

(Bild: © Sr. M. Sabine Adam CJ)