01.09.2019

Zeuginnen der befreienden Vergebung

von Sr. Katharina Hemmers OP

Er ist genau vor 150 Jahren gestorben, der Mann, der das Leben vieler Frauen grundlegend verändert hat. Vor sieben Jahren wurde er in Besançon/Frankreich seliggesprochen, als „Apostel der Gefängnisse“, sein Gedenktag der 5. September. Er war eine Zeitgenosse Victor Hugos, der 1862 den Roman „Les Miserables“, „die Elenden“, veröffentlichte. Diesen Elenden und ihrer Chancenlosigkeit in einer selbstgerecht anmutenden Gesellschaft, begegnet der Dominikaner P. Jean Joseph Lataste im Gefängnis in seiner Geburtsstadt Cadillac. Dort wird er hingeschickt, die Frauen durch seine Predigt zu innerer Umkehr zu bewegen und ihre Seelen zu retten. Die Rollen sind klar, auf der einen Seite er, der unbescholtene Kleriker, auf der anderen 400 Verbrecherinnen: Kindsmörderinnen, Diebinnen, Prostituierte. Frauen, die mit gesenkten Köpfen und in hässlicher Anstaltskleidung vor ihm sitzen. Aber genau dieser Anblick berührt ihn zutiefst und bewegt ihn selbst zur Umkehr von der eigenen Selbstgerechtigkeit. Er verwirft sein Manuskript und beginnt die Predigt mit den ernst gemeinten Worten „Meine lieben Schwestern“. Und erkennt, wie viel Wahres in der Volksweisheit „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“ steckt. Die Frauen lehren ihn auch, dass gut gemeinte Worte vielleicht trösten, aber wenig verändern können. Dies alles veranlasst P. Lataste, seine gesamte Lebenskraft dafür einzusetzen, eine Ordensgemeinschaft zu gründen, in der die Frauen nach ihrer Haft zusammen mit anderen Ordensfrauen ihre Sehnsucht und Hingabefähigkeit in einem gottgeweihten Leben leben können.

Die Zuchthäuslerin, die Geschiedene, die Nutte, die Heimkinder, deren Leben eine zweite oder dritte Chance braucht, haben ebenso wie die Studentin und die Karrierefrau ihre unverlierbare gottgegebene Würde. Sie alle haben ihre einmalige Geschichte, die sie nach guter Aufarbeitung befähigt, als wunderbare Lebenslehrerinnen und Mitschwestern in der solidarischen Gemeinschaft von Ordensfrauen Zeuginnen der befreienden Vergebung Gottes zu sein.