22.09.2019

Gastfreundschaft heute

von Sr. Elisabeth Kralemann OSB

Der benediktinische Abtprimas Gregory Polan OSB sagte kürzlich in einem Interview: "Klöster sind die wichtigsten Orte auf der Erde". Damit diese Aussage nicht als arrogant missverstanden würde, fügte er erklä­rend hinzu: "In den vergangenen Jahren durfte ich Menschen begegnen, die durch die Begegnung mit einem Kloster nachhaltig geprägt wurden - Menschen, die Schwierigkeiten erlebt haben oder an Problemen und Herausforderungen in ihrem Leben arbeiten. Zum Großartigen an unseren Klöstern gehört doch: Wir sind immer da." Ich denke, es ist vor allem diese Präsenz, die wir suchenden Menschen anbieten können, und dar­über hinaus eine unbedingte Annahme und Wertschätzung. Sie können in unseren Klöstern einfach da sein und sie selbst sein; nicht Leistung ist gefragt, wie wir es sonst überall erleben, sondern pures Mensch­sein.

Der hl. Benedikt widmet der Gästeaufnah­me ein langes Kapitel. Schon damals im 6. Jahrhundert, in der un­ruhigen Zeit der Völkerwanderung, suchten viele Menschen in den Klöstern Zuflucht und Orientierung ange­sichts von Krieg, Zerstörung und Wertever­fall. Benedikt nimmt jeden und jede auf "ohne Ansehen der Per­son" und gewährt Unterkunft und Versorgung, Gebetsgemeinschaft und Gesprächsangebot. Seitdem gehört die Gastfreundschaft - unter sich wandelnden Bedingungen und Formen - zum "Standard" eines jeden Bene­diktinerklosters und der meisten anderen Ordensgemeinschaften. Inzwischen haben viele Klöster auch geflüchteten Menschen Heimat und Asyl gewährt. Seit kurzem bieten etliche Klöster ein Freiwilliges Ordensjahr an und öffnen ihr Haus für Menschen, die eine Zeitlang mitleben, mitbeten, mitarbeiten und mitlernen möchten.

Dabei ist Gastfreundschaft keine "Einbahnstraße", denn Begegnung ist immer wechselseitig. Auch das Klos­ter profitiert von den Gästen, von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, ihrem Suchen und Fragen. Der französische Abt Denis Huerre OSB hat das so ausgedrückt: "Die Ankunft der Gäste ist ein Zeichen der immerwährenden Ankunft Gottes in unserem Leben."