15.12.2019

Weihnachten des Johannes vom Kreuz

von P. Ulrich Dobhan OCD

In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1577 wurde Johannes vom Kreuz (+ 14.12.1591) aus Ávila entführt und ins Klostergefängnis nach Toledo gebracht. Der Hauptgrund dafür lag in der unterschiedlichen Reformpolitik zwischen der Päpstlichen Kurie und dem Hof Philipps II. In der bedrückenden Enge seiner Gefängniszelle hat er drei Wochen später auf seine Weise Weihnachten gefeiert, indem er in wunderbarer Lyrik das Werk Gottes – beginnend mit der Schöpfung, der Menschwerdung und der Erlösung – besingt.Die Weihnachtsverse lauten:

Schon nahte sich die Zeit, / da er gebor’n sollt werden. / wie aus dem Brautgemach / der Bräutigam hervortritt. … Vermählung feiern sie / der Menschheit mit der Gottheit. / Doch in der Krippe weint / Gott selbst und seine Tränen / sind edler Schmuck der Braut / zu ihrem Hochzeitstage.

Weihnachten ist für Johannes vom Kreuz das Fest der Vermählung der Menschheit mit der Gottheit. Das bedeutet, dass alles, was menschlich ist, von Gott aufgenommen ist und von daher auch in Gott verwandelt werden kann: Gott wird Mensch, der in der Krippe weint, und der Mensch wird Gott. Dieser Prozess, nichts anderes als der uralte Traum des Menschen, wird nicht durch asketische Übungen und Frömmigkeitsleistungen des Menschen vollbracht, auch nicht in erster Linie durch Vermeiden von Sünden, um so ganz rein zu werden, sondern indem Gott den Menschen anblickt, denn el mirar de Dios es amar – das Blicken Gottes ist Lieben, und indem der Mensch sich anblicken lässt und es Gott glaubt, dass er ihn – mich – immer liebt und nicht erst, wenn ich mich meiner Meinung nach liebenswert gemacht habe. Dieses Blicken Gottes gilt allen Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Herkunft, Geschlecht und Religion.

Das in der Krippe liegende und weinende Kind – und das ist Gott – möchte diese Liebe in schwacher und hilfsbedürftiger Weise sichtbar machen, denn einem hilflosen Kind glauben wir leichter, dass es uns nicht ausnützt oder verzweckt.