29.12.2019

Loslassen um Größeres zu empfangen

Von Sr. Ruth Meili CCR

Das ist nicht nur eine Erfahrung bei der Aufgabe von belastenden Immobilien oder ganzer Klöster, sondern auch im Älterwerden. Wir betonen gerne das „Loslassen“ und beschreiben den Schmerz beim Abschied von lieb gewonnenen und persönlich geprägten Aufgaben oder unsere Irritation, wenn Mitschwestern z.B. alles mühsam Gesammelte und Wohlgeordnete im Archiv einfach digitalisieren – was auch immer das dann heißt. Ja, es tut oft weh, Abschied zu nehmen von einem Stück meines Lebens. Loslassen nicht als Fallenlassen, sondern als ein Überlassen z.B. an eine Nachfolgerin oder an Jüngere. Ich nehme die Aufgabe noch einmal sorgsam in meine inneren Hände, halte sie an mein Herz und lege alles dankbar Gott hin, dass ich das alles so werden und gestalten durfte, oft über Jahre hinweg, getragen von viel Herzblut und Verantwortung mit Blick auf das Ganze einer Gemeinschaft. Alles Unvollkommene und Misslungene darf auch noch einmal wertschätzend angeschaut werden mit den Augen meines Herzens. Und alles, wirklich alles, lege ich Gott hin, loslassend, ihm überlassend zur weiteren Bearbeitung. Was für eine Wohltat, was für eine Befreiung, nun Vergangenes in so zuverlässig segnende und kreative Hände legen zu können.

Und jetzt bin ich frei, noch einmal erfrischt hinzuhören, zu lauschen auf den Ruf Jesu „Folge mir nach!“ der neu konkret werden will, mir ganz neue, ungeahnte Freiheit eröffnend und aufatmende Weite in sich birgt.

Loslassen, um Größeres zu empfangen. Um diese innere Bewegung geht es immer. Das ist das Geheimnis des Reiches Gottes gestern, heute und in alle Ewigkeit. „Denn wer da hingibt, der empfängt, und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben“ (aus dem Friedensgebet von Franz von Assisi).

Das ist dann möglich, wenn der für mich immer Größere ruft – Christus: „Komm!“ und seine Liebe mich lockt und zieht und begeistert. Da wird neu deutlich, dass es auch im Loslassen um Lebenserfahrungen geht, Vor-Stellungen, Wünsche, Wissen und Können, Überzeugungen, alles, was meine Nachfolge verbürgerlichte. Und nun erlebe ich: Selig sind, die bedürftig und arm sind vor Gott, denn ihnen ist das Reich Gottes (nach Mt 5,3). Und was hat jede Gemeinschaft nötiger als Schwestern und Brüder, die loslassen, um das je Größere empfangen und in Liebe austeilen zu können!