12.01.2020

Dialog mit Christus unter dem Kreuz

Von Abt Johannes Schaber OSB

Laufe ich tagsüber durch unsere Ottobeurer Basilika, fällt mir zu meiner Freude immer wieder auf, dass Menschen vor unserem Romanischen Kruzifix knien, zu Christus aufschauen und beten. Das Ottobeurer Gnadenkreuz ist der geistliche Mittelpunkt der Kirche. Immer wieder ist zu lesen, es sei „um 1220“ geschnitzt worden. Wie oft schauen wir nur aus Gewohnheit auf das Kreuz. In diesem 800-Jahre-Jubiläum versuche ich, mich bewusst von Christus anschauen zu lassen und mit ihm in einen „alten“ Dialog einzutreten.

Den Auftrag zur Anfertigung des Kreuzes gab der selige Abt Konrad von Ottobeuren (Abt 1194-1227). Von ihm wird überliefert, dass Christus zu ihm gesprochen und ihm auch andere Gnaden erwiesen habe. Deshalb ließ er in Erinnerung an diese besondere Begegnung mit Christus das romanische Kreuz schnitzen, „um 1220.“

Das Antlitz Christi hat einen geöffneten Mund. Christus spricht. Die Krone, der goldene Strahlenkranz und die Silberbeschläge an den Enden der Kreuzbalken wurden im 18. Jahrhundert hinzugefügt. Die beiden Silberbeschläge über dem Kopf und unter den Füßen enthalten einen Dialog. Christus sagt: „Vater, verzeihe ihnen!“ Nach Lukas 23, 34. Und der kniende Beter vor dem Kreuz antwortet Christus: „O JESU mein Gott und mein Alles!“

Weil nach den Karfreitagspredigten Papst Leos des Großen (um 400-461) über das Leiden Christi (Sermo LXI, 10. Predigt) nicht jeder Mensch das Opfer Christi am Kreuz aus Liebe zu den Menschen versteht und womöglich sogar törichte oder lästerhafte Worte über Christus spricht (vgl. Matthäus 27,42), gibt die gesamte Schöpfung: Erde, Sonne, Mond und Gestirne ein Urteil über sie ab: Sie leben in der Nacht der Finsternis und Verblendung. Weil Christus aber für sie am Kreuz um Verzeihung bat (Sermo LXII, 11. Predigt), sind schon viele Sünder umgekehrt und haben Christus ihr Herz geöffnet. Soweit Papst Leo der Große.

Wie wird nun meine oder Ihre Antwort lauten, wenn wir zu Christus am Kreuz aufschauen?