19.04.2020

Vitamin B in Zeiten der Krise

Von P. Valentin Gögele LC

Die vergangenen Wochen fest im Griff der Pandemie haben uns viel gelehrt, auch uns Priestern und Ordensleuten. Nicht alles in unserer freiheitlich-demokratischen und westlichen Gesellschaft ist selbstverständlich; die Fähigkeit, sich anzupassen und die Situation zu meistern, ist doch größer als vermutet; in den Herzen der Menschen schlummert so viel wunderbares Potential und Kreativität für das Gute, die Solidarität, die Mitmenschlichkeit. Und wir haben im Ausweichen des Religiösen in den privaten Raum gesehen, dass dadurch auch ungeahnte missionarische Kräfte freigesetzt werden können.

Ein befreundeter Arzt legte mir kürzlich nahe, wie wichtig gerade in der Zeit der Quarantäne die Sonne ist, für frische Luft und die Vitamin-D-Bildung. Ich habe noch einmal gegoogelt, um zu sehen, was es mit diesem Vitamin auf sich hat. Dabei kam mir dann der Gedanke: Und wie sieht es eigentlich mit meinem Vitamin-B-Haushalt als Jünger und Apostel Christi aus?

Damit sind wir schon beim Thema. Ich bin ja kein Arzt in einer Praxis, mit weißem Kittel, Stethoskop und solchen Dingen. Aber dennoch fühle ich mich dazu berufen, viel mit „Vitamin B“ zu arbeiten, es selbst reichlich vorrätig zu haben und einzunehmen, und es auch immer wieder großzügig zu verschreiben, vor allem in Krisenzeiten.

Wo Vitamin B so vorkommt, fragen Sie? Ach, da gibt es eine ganze Reihe von erprobten Lebenselixieren und bewährten Rezepten, die gerade in Zeiten einer Krise wirksam helfen können. Meine Favoriten: die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes, die aufrichtige Beichte, das Lesen und Meditieren der Bibel, das persönliche und gemeinschaftliche Beten, das Vertiefen und das bewusstere Erleben der eigenen Berufung im allgemeinen slow down – lauter Orte und Möglichkeiten, sich reichlich mit Vitamin B einzudecken.

Den Vitaminen der B-Gruppe sagt man allerhand interessante Eigenschaften nach. Vitamin B12 besitzt sogar die Fähigkeit, für längere Zeit im Körper gespeichert zu werden. Genau darum geht es, das ist überlebenswichtig! Aber da nicht alle diese Naturstoffe der B-Gruppe diese Eigenschaft aufweisen, empfiehlt es sich, genug davon zu sich zu nehmen. Man darf ruhig kontinuierlich davon naschen und in diesem Fall ist sogar Hamstern erlaubt!

Wir befinden uns in der Woche des Barmherzigkeitssonntages, ein Fest, das der hl. Papst Johannes Paul II. für die ganze katholische Kirche festgelegt hat. Ich bin überzeugt davon: Barmherzigkeit braucht der Mensch am dringendsten, vor allem je fortschrittlicher er sich wähnt. So habe ich mich in den Kartagen, gemeinsam mit anderen Priestern, mit zwei Stühlen und einer violetten Stola ausgerüstet, auf den Kapellplatz von Altötting gesetzt.

Und? Wie lief es? So wie immer, wenn ich mich traue, das Sakrament der Versöhnung anzubieten: Über 15 Stunden lang fast ununterbrochene Vitamin-B-Vermittlung. Dabei fand ich einmal mehr bestätigt: Ein ausgeglichener Vitamin-B-Haushalt schenkt Freude, Gelassenheit, innere Freiheit, Sinnhaftigkeit, Kraft, Mut und Inspiration, das Leben und die Herausforderungen anzupacken – und vieles mehr. Ich für meinen Teil, als Priester und Ordensmann, möchte in dieser Krise schon heute zum naheliegenden Schluss kommen, dass „Vitamin B“ eventuell sogar noch wichtiger als C und D – und vieles andere im Leben – sein könnte …