23.08.2020

„Du hast mich betört, mein Gott…“

Von P. Erasmus Kulke OSB

„… und ich ließ mich betören“, heißt es beim Propheten Jeremia (20,7) – ein Wort, das mich sehr berührt, weil ich Gott auch so erlebe: betörend. Er brennt in Liebe für mich. Er hat Sehnsucht nach mir. "Die Sehnsucht Gottes ist der lebendige Mensch!" So hat es der hl. Augustinus auf den Punkt gebracht. Ja, Gott versucht uns mit „menschlichen Fesseln und Banden der Liebe“ zu umgarnen (vgl. Hos 11,4). Und was könnte beglückender sein, als ganz und gar geliebt zu werden, mit Haut und Haar, bedingungslos, für immer und ewig. Geliebt zu werden so, wie ich bin, auch mit meinen Macken, Fehlern und Schattenseiten. Und das tut Gott! Er ist doch bis zum buchstäblich letzten gegangen, um uns zu zeigen, wie sehr er uns liebt – damals am Kreuz, als er sein Leben für uns hingegeben hat. Mehr geht nicht!

Er will uns seine Liebe schenken und wartet nur darauf, dass wir sie uns schenken lassen. Doch viele meinen, sie müssten sich Gottes Liebe verdienen, müssten Gebote und Regeln befolgen, viel beten, viel leisten, damit Gott sie liebt, sie lieben kann. Und wenn sie dann diesen hohen Ansprüchen nicht genügen – und das können wir Menschen nie, weil wir dazu viel zu schwach sind – macht sich die Angst breit, vor Gott nicht bestehen zu können. Doch einen Gott, vor dem ich Angst habe, halte ich mir vom Leib. Und damit zeigt solche Leistungsfrömmigkeit ihren dämonischen Ursprung, denn sie führt uns von Gott weg.

Der 1. Johannesbrief sagt es uns ganz deutlich: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ (4,10) Ja, er hat uns zuerst geliebt. Er schenkt uns seine Liebe – gratis. Auf Lateinisch nennen wir das „gratia“: Gnade. Und das ist wahre Liebe immer: reines Geschenk. Bedingungslos. Um des Geliebten selbst willen. Und wie könnten wir glauben, dass Gott uns mit weniger als mit wahrer Liebe liebt?