Ordensgemeinschaften in Deutschland

There is a crack in everything

„Da ist ein Riss in allem, der Spalt, durch den das Licht einfällt.“

Vor Palmsonntag suchte ich ein Bild, das die Atmosphäre der diesjährigen Passionszeit und Osterhoffnung darstellen könnte, und fand eine alte Postkarte, die das Innere eines Hügelgrabes zeigt. Die steinzeitliche Megalithanlage ist so gebaut, dass genau zur Wintersonnwende das Sonnenlicht durch einen Spalt fällt und das Innere des Grabes erleuchtet.

Jetzt ist diese Karte mein Osterbild: In das Dunkel der Grabeshöhle fällt von außen Licht herein. Der Spalt ist das Einfallstor des Lichtes, nur er lässt erfahren, dass draußen Licht und Leben warten. Ohne diesen Riss wäre die Dunkelheit absolut und total. Aber es gibt diesen Riss!

So hat es schon Leonhard Cohen in seinem berühmten Song "Anthem" beschrieben: „There is a crack in everything“. Cohen zitiert all die dunklen, sich ständig wiederholenden Unheilserfahrungen unserer Welt: Krieg und Gewalt, Betrug und Verrat, Gesetzlosigkeit und Heuchelei. Doch er betont zugleich: „Da ist ein Riss in allem, der Spalt, durch den das Licht einfällt.“

Zum zweiten Mal erleben wir Ostern unter Corona-Bedingungen. Nie dagewesene Erschütterungen mit hohen Austrittszahlen führen uns fast täglich dunkle Seiten der Kirche vor Augen. Die weltweiten Kriege scheinen nicht ab-, sondern zuzunehmen. Das Elend der Millionen Flüchtlinge unterwegs und in den Lagern ist unbeschreiblich. Die Corona-Pandemie mit den existenziell bedrohlichen Folgen für so viele Menschen will nicht enden und unsere Gesellschaft ist gespaltener denn je. Es gibt viele Begründungen dafür, warum wir in einer dunklen Zeit, einer „Grabhöhlenzeit“ leben, einer Zeit verschlossener Türen.

Doch vermutlich würde Leonhard Cohen auch heute singen: “There is a crack in everything.” Und er hätte recht.

Denn wenn wir Ostern feiern, trauen wir dem Riss, der immer auch da ist und um den wir glaubend-ahnend wissen. Dann wagen wir, mit Jesus den Weg durch die unfassbaren Dunkelheiten unserer Zeit und des Todes hindurch zu gehen, bis tief hinunter und hinein ins Grab. Dann schreien wir mit ihm und verstummen mit ihm.

Und dann hoffen wir mit ihm und glauben an das Licht, das von außen kommend den Riss in allem ertastet, das durch den Spalt in das Grab hinein leuchtet und ins Leben herausruft. Dann glauben wir dem, für den verschlossene Türen kein Hindernis sind und der plötzlich in unserer Mitte anwesend ist, ersehnt und dennoch unverhofft. Er lässt uns die Perspektive wechseln, dem Sog der Dunkelheit widerstehen und in eine neue Richtung schauen.

Es gibt Besseres, es gibt das Licht, es gibt den auferstandenen Christus. Mit ihm brauchen wir das Dunkle nicht abzuwehren oder gar abzuspalten, mit ihm dürfen wir dem Gott des Lebens vertrauen. "There is a crack in everything." Halleluja!

Über die Autorin

Sr. Maria Magdalena Hörter OSB ist Ordensfrau in der Benediktinerinnenabtei Kloster Engelthal.

Zur Homepage der Abtei Kloster Engelthal.

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