Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Christsein in einer fremden Welt

Mit vielen guten Ratschlägen hat sich Jesus verabschiedet. Die kleine Gemeinde ist nun ganz auf sich allein gestellt. Das ist eine ganz neue Erfahrung für die Jünger und ihre Anhänger. Für uns ist das eigentlich der Normalfall. Aber die Zeiten, als wir uns im rundum christlichen Kontext aufgehoben wussten, sind vorbei. Wie damals sind wir wieder eine Minderheit unter Menschen, denen Religion einfach egal ist. Was macht das mit uns, mit mir?

Mit Sorge erlebe ich die zunehmende Entsolidarisierung, global und in meinem direkten Umfeld. Im Gegenzug merke ich, wie wichtig mir in dieser Situation die christliche Botschaft der Nächstenliebe ist. Wie notwendig ist es, einander wahrzunehmen mit wohlwollendem Blick. Menschsein gelingt nur, wenn wir Verantwortung übernehmen, jede/r für sich und füreinander.

Vor 491 Jahren hat eine kleine Frau in Norditalien in aller Bescheidenheit einen Schritt getan, der genau in diese Richtung weist: Angela Merici gründete die „Compagnia di Sant’Orsola“, eine Gemeinschaft, in der sich Frauen jeden Standes zusammenfanden, um wie die ersten Christen das Evangelium lebendig werden zu lassen. In den Schriften der frühen Gemeinschaft findet sich dazu ein programmatischer Satz: „Seid untereinander durch das Band der Liebe verbunden, indem ihr einander schätzt, euch beisteht und einander ertragt in Jesus Christus.“1

Wie wäre es, wenn wir uns das heute auf unsere Fahnen schreiben: Wenn wir unsere Mitmenschen mit einem Blick betrachten, der Wertschätzung enthält? Wenn wir angesichts des Elends anderer nicht wegschauen, sondern einander schützend und hilfreich zur Seite stehen? Wenn wir einander bei allen Differenzen nicht zerstören wollen, sondern auch in Konflikten mit Geduld begegnen?

War das Ideal der Urchristen nur ein Traum? Oder war es eine Vision menschlicher Gemeinschaft, die wir heute mehr denn je brauchen?

1 Angela Merici, Ricordi, Letztes Gedenkwort, S. 39

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Über die Autorin

Sr. Brigitte Werr OSU ist Assistentin der Föderationsleitung der deutschsprachigen Ursulinen sowie delegierte Oberin des Ursulinenkonvents St. Joseph Geisenheim.

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