Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Die Ernte ist groß

„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“ (Mt 9,37)

Wenn ich diese Worte Jesu höre, denke ich nicht zuerst an volle Kirchen oder fehlende Priester. Ich denke an die Menschen, denen ich jeden Tag begegne. Als Ordensmann aus Indien, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, nehme ich zwei Dinge wahr: einen großen Wohlstand und gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht. Viele Menschen haben fast alles, was man zum Leben braucht – und doch fehlt oft etwas, das man nicht kaufen kann: Sinn, Vertrauen, Hoffnung und echte Gemeinschaft. Jesus schaut auf die Menschen seiner Zeit und sieht keine Zahlen, keine Statistiken und keine Probleme. Er sieht Menschen. Er sieht ihre Sorgen, ihre Müdigkeit und ihre Orientierungslosigkeit.

Das Evangelium sagt: Er hatte Mitleid mit ihnen, weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten haben. Diese Worte berühren mich. Denn auch heute begegnen wir vielen Menschen, die ihren Weg suchen. Junge Menschen, die sich fragen, wofür es sich zu leben lohnt. Ältere Menschen, die Einsamkeit erfahren. Familien, die unter Druck stehen. Menschen, die trotz digitaler Vernetzung oft niemanden haben, mit dem sie ihr Herz teilen können.

Vielleicht besteht die große Ernte unserer Zeit gerade darin, solche Menschen wahrzunehmen. Jesus sucht keine perfekten Arbeiter für seine Ernte. Er sucht Menschen mit offenen Augen, offenen Ohren und einem offenen Herzen. Ordensleute versuchen, auf ihre Weise solche Menschen zu sein. Nicht weil sie besser wären als andere, sondern weil sie glauben, dass Gott auch heute noch mitten unter uns wirkt. Oft leise. Oft unscheinbar. Aber immer dort, wo Menschen Hoffnung schenken, zuhören, begleiten und ermutigen.

Die Ernte ist groß – damals wie heute. Vielleicht beginnt sie nicht auf großen Bühnen oder in spektakulären Projekten. Vielleicht beginnt sie dort, wo ein Mensch dem anderen Zeit schenkt. Wo jemand zuhört statt urteilt. Wo einer Hoffnung weitergibt, obwohl vieles dagegenzusprechen scheint.

Jesus ruft uns nicht zuerst dazu auf, mehr zu arbeiten. Er ruft uns dazu auf, anders zu sehen. Wer mit den Augen Jesu schaut, entdeckt: Die Ernte ist längst da. Wir müssen nur bereit sein, hinauszugehen.

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Über den Autor

P. Thomas Perumbattu MCBS ist Delegat für die Niederlassungen der Missionskongregation vom heiligsten Sakrament in Deutschland.

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