Kolumne: Die Spannungen des Palmsonntags
Wir Christen bereiten uns auf das höchste Fest des Jahres vor, der Feier von Tod und Auferstehung Jesu. Den Auftakt bildet der heutige Palmsonntag. Kein anderer Gottesdienst bringt wohl derart massiv entgegengesetzte Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck. Am Beginn gedenken wir des Einzuges Jesu in Jerusalem. Begeisternd, jubelnd begleiten ihn die Menschen auf der Straße. Sie sehen in ihm den großen Hoffnungsträger. Auf einem Esel zieht er ein. Er ist das Zeichen bei den Propheten für den verheißenen Friedenskönig. Am Ende, in der Lesung des Passionsberichtes, geht Jesus dagegen zu Fuß als Verurteilter einsam aus der Stadt hinaus. Als ein Verbrecher wird er vor den Toren gekreuzigt.
Den Palmsonntag feiern wir inmitten einer Gesellschaft, in der wir immer mehr die harten Spannungen erleben. Das Gefühl der Solidarität scheint zu schwinden. Es wird mühsam, in wichtigen Fragen einen Konsens zu finden. Viel Zuspruch finden einfache, populistische Ansichten. Anhänger feiern ihre politischen Stars. Von Menschen, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, grenzt man sich ab.
Der Palmsonntag beschreibt verschiedene menschliche Haltungen, ohne zu verurteilen. Da ist der begeisternde Auftakt, aber wie wenig Verlaß ist auf den Jubel. Ein Bad in der Menge mag berühren. Wenn jedoch die Situation kritisch wird, verstummt die Zustimmung. Dann begleiten die Jünger Jesus. Doch ihnen fehlt die Haltung. Nicht nur Judas verrät den Herrn. Alle Jünger verlassen ihn. Da sind die Gegner, die in ihrem Hass erst Ruhe geben, wenn Jesus zum Tod verurteilt worden ist. Es sind die vielen, die keine Meinung haben und die unbeteiligt sind. In der Mitte steht Jesus – am Anfang auf dem Esel, am Ende aller Kleidung beraubt am Kreuz. Irgendwie tragen alle Menschen zur Verurteilung eines Unschuldigen bei: durch Verrat, durch Passivität, durch Hass ...
Wie grausam und hart wird unsere Welt, wenn wir über Ideen streiten, aber den konkreten Menschen nicht sehen, wie er denkt, hofft, glaubt und liebt.