Kolumne: Haus ohne Zuhause
Die Strecke von München nach Rottenbuch, wo sich der Alterswohnsitz unserer Schwestern befindet, habe ich schon unzählige Male mit dem Auto zurückgelegt. Und seit über 15 Jahren komme ich an einem Haus vorbei, das im Rohbau stecken geblieben ist. Ein kleiner Kran steht daneben, der aber unter dem Zahn der Zeit gelitten hat und nicht mehr funktionstüchtig ausschaut.
Dieses unfertige Haus fasziniert mich und wirklich jedes Mal beim Vorbeifahren frage ich mich, was wohl hinter dem Baustopp und diesem kaum begonnen und nicht vollendeten Gebäude steckt: Ist der Besitzer gestorben? Wurde der Bau ohne Genehmigung begonnen? Hat plötzlich das Geld gefehlt? Könnte man überhaupt noch in das Haus einziehen, nachdem es so lange Zeit offen und leer stand? Dieses Haus, das doch für niemandem zu einem Zuhause wurde, berührt mich und hat mich auch irgendwie traurig gemacht.
Wirklich jedes Mal schaue ich hinüber und halte Ausschau nach Zeichen, die entgegen jeder realistischen Erwartung davon sprechen, dass doch etwas weitergeht. Und vor kurzem stand plötzlich ein Auto vor dem Haus? Zufall? Beim darauffolgenden Mal konnte ich entdecken, dass einige Fenster eingesetzt worden waren und bei der letzten Fahrt sah ich voll Staunen, dass ein Teil der Fassade verputzt wurde. Irgendetwas ist geschehen – ich weiß nicht was – aber es geht weiter. Und das macht mich froh.Ist es nicht auch in unserem persönlichen Leben so? Manchmal hat man vielleicht schon die Hoffnung aufgegeben, dass es eine Lösung gibt für verfahrene Situationen.
Im Heiligen Jahr der Hoffnung macht mir dieses Ereignis Mut. Es ist buchstäblich nie zu spät. Ich glaube daran, dass sich auch dort, wo lange alles stillsteht, doch ein neuer Aufbruch zeigen kann.