Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Jesus ist „Gott mit uns“

Die Jungfrau wird empfangen
und einen Sohn gebären
und sie werden ihm den Namen Immanuel geben,
das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Matthäus 1,23

Jesus hätte im Himmel bleiben können. Doch er kam – nahm menschliche Gestalt an –, um bei uns zu sein, um „Gott mit uns“ zu sein. Und „Gott mit uns“, so geht es mir immer mehr auf, heißt wirklich, dass er hineinkommt in unsere Lebensrealität. Näher konnte Gott uns nicht kommen, als selbst Mensch zu werden. Gott wird Mensch und somit Teil unserer Geschichte, meiner ganz persönlichen Biografie. So ist er mittendrin in allen unseren stattfindenden Transformationsprozessen; mittendrin in unseren Fragen, Ängsten, Unsicherheiten, in unserem Suchen nach Zukunft.

Gott lässt sich auf uns so ein, dass er mit uns fühlt, mit uns leidet und unsere Gegenwart teilt. Er wird ein kleines Kind. Und dies geschah nicht nur im Sinne eines Notfallprogramms. Der Theologe Johannes Duns Scotus betont, dass die Menschwerdung nicht nur die Antwort auf die Sünde war, sondern dass diese im Plan Gottes so vorgesehen war. Die Liebe Gottes zum Menschen war so groß, dass Gott sie erfahrbar machen wollte. Seine Liebe und Barmherzigkeit drängten ihn dazu. Und so wählte er die Menschwerdung als das größte und schönste Werk der ganzen Heilsgeschichte.

Gott hat sein letztes,
sein tiefstes,
sein schönstes Wort
im fleischgewordenen Wort
in die Welt hineingesagt.
Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich,
du Welt und du Mensch.
Ja, zündet Kerzen an.
Sie haben mehr recht als alle Finsternis.
Karl Rahner

„Ich liebe dich, du Welt, du Mensch!“ Dieses Wort bildet die Grundlage für jedes Menschsein. Es ist so befreiend, dieses „Ich liebe Dich!“ zu hören und damit verbunden auch einen Ausweg aus der Falle des Perfektionismus und der ständigen Selbstoptimierung zu finden. Wie oft treffe ich auf Menschen, die ausgebrannt sind, die sich erschöpft haben, im Immer-besser-Werden. Aus der Menschwerdung des Gottessohnes erwächst die Befreiung zur Menschwerdung des Menschen. Echte Menschwerdung – sowohl im menschlichen wie auch im göttlichen Sinne – erwächst allein aus der Liebe. Die Beziehung zum menschgewordenen Gottessohn, dem Kind in der Krippe, schenkt uns zutiefst die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein. Je mehr wir uns auf diese Beziehung einlassen, desto mehr können wir Mensch werden, können wir wachsen und uns entfalten. Auf diese Weise können wir dem Leben, wie es sich uns zeigt, hoffnungsvoll begegnen in der Gewissheit, DEM LEBEN GEWACHSEN ZU SEIN!

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Über die Autorin

Sr. Marie-Sophie Schindeldecker OSF ist Provinzoberin der Franziskanerinnen von Sießen.

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