Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Johannes vom Kreuz – Lehrer der Dunkelheit

2026 feiern wir ein seltenes Doppeljubiläum: 300 Jahre Heiligsprechung und 100 Jahre Kirchenlehrer des hl. Johannes vom Kreuz.
Ein guter Anlass, innezuhalten: Was kann uns dieser Mystiker heute sagen – in einer Welt voller Tempo, Überforderung und innerer Unruhe?

Johannes vom Kreuz wusste, was Dunkelheit bedeutet: Einsamkeit, Krisen, Gefangenschaft, innere Leere. Doch für ihn war die Dunkelheit nicht das Ende, sondern der Ort der Gottesbegegnung. Er nennt sie die „dunkle Nacht“ – nicht als Strafe, sondern als Weg, auf dem Gott uns von allem Überflüssigen befreit, um uns zu sich zu führen. Er schreibt: „In der Nacht des Geistes, da führt Gott die Seele zu sich.“ Die dunkle Nacht, die Johannes beschreibt, ist eine transformative, befreiende und zu mehr Leben führende Erfahrung, die eine neue Tiefe der Gottesbeziehung schenkt und an der Wurzel heilt, was uns unfrei macht und uns in unserer Liebesfähigkeit einschränkt.

Seine Botschaft ist überraschend modern:

  • In einer Zeit, in der viele am eigenen Funktionieren zerbrechen, erinnert er uns daran, dass Gott nicht im Lärm, sondern im stillen Grund des Herzens wohnt. Johannes sagt: „Gott ist die stille Mitte, in der die Seele zur Ruhe findet.“
  • In einer Welt voller künstlicher Lichter zeigt er uns, dass wahres Licht oft erst dann aufleuchtet, wenn wir die äußeren Helligkeiten hinter uns lassen. Er betont: „Die Nacht ist nicht Finsternis, wenn das Licht der Liebe darin brennt.“
  • In einer Gesellschaft mit ständigem Leistungsdruck ruft er uns zu, dass Gottes Liebe nicht verdient, sondern erfahren wird – oft gerade dort, wo wir schwach, ratlos oder leer sind. So schreibt er: „Wo du nichts mehr hast, da findet dich Gott mit seiner Fülle.“

Johannes vom Kreuz ist ein Lehrer für Menschen von heute, weil er nicht vertröstet, sondern ermutigt: „Um zu dem zu gelangen, was du nicht weißt, musst du gehen auf einem Weg, den du nicht kennst.“ Vertraue dem Weg, auch wenn du ihn nicht siehst. Vertraue dem Licht, auch wenn es noch verborgen ist. Für ihn ist die Dunkelheit kein Abgrund – sie ist die Nacht, aus der das Morgenlicht Gottes aufbricht: „Am Ende der Nacht ist die Seele nicht verdunkelt, sondern erhellt.“ Und so kann er uns in unserer Zeit ein Begleiter sein: nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit einer tiefen Wahrheit: Gott ist da – mitten in der Dunkelheit. Und er führt zum Licht.

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Über den Autor

P. Dr. Raoul Kiyangi OCD ist Provinzial der Deutschen Provinz des Teresianischen Karmel.

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