Kolumne: Menschsein erfüllt sich in gelingenden Beziehungen
„Stundenlang unterhalten sich meine Klassenkameraden mit einem KI-Chatbot“ erzählte mir vor wenigen Wochen eine Abiturientin. „Die wollten wissen, ob sie das Abitur bestehen werden oder nicht.“, ergänzte sie.
Ich erschrak. Mit einem KI-Chatbot kann man zwar sprechen – aber dabei spricht man nicht wirklich mit einem Menschen, sondern mit einem Computerprogramm. Dieses Programm verarbeitet die Sprache und erzeugt passende Antworten. Ein KI-Chatbot kann ein Gespräch simulieren, aber keine menschliche Beziehung ersetzen.
Erfülltes Menschsein wächst aus gelingenden Beziehungen. Denn der Mensch ist ein Beziehungswesen. Genau das beschreibt Papst Leo in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas. Ausgerechnet in dieser seiner „Regierungserklärung“, die sich auf die Künstliche Intelligenz bezieht, erklärt er, was Menschsein bedeutet: in tragenden Beziehungen zu leben, und zwar zu Gott, zu den Mitmenschen, zu sich selbst und zur Schöpfung. Beziehungen gehören also zum Wesen des Menschen und sind nicht Mittel zum Zweck.
Der Papst trifft damit einen wunden Punkt der gegenwärtigen Zeit. Die Beziehungslosigkeit, das Auf-sich-geworfen-sein, das Ersetzen von echter innerer Verbundenheit mit anderen durch die Technik lassen den Menschen verkümmern.
Wir Ordenschristen leben in der Regel in Gemeinschaft. Dort gibt es vielfältige Beziehungen. Neben Gesprächsaustausch, Teilen des Alltags mit seinen Freuden und Nöten, steht jede Ordensgemeinschaft mehrmals täglich gemeinsam vor Gott im Gebet in seinen vielfältigen Ausprägungen.
Hat das Gemeinschaftsleben von uns Ordensleuten nun Hochkonjunktur? Fehlanzeige. Ich nehme eher wahr, dass das Gemeinschaftsleben im Geweihten Leben ganz besondere Aufmerksamkeit und Pflege braucht. Neue Mitglieder müssen es mühsam lernen.
Die Sehnsucht nach gelingender Gemeinschaft jedoch steigt. Weil wir als Christen und Christinnen zum Leben in Fülle berufen sind. Und das braucht gelingende Beziehungen.