Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Unsere Wahrheit erkennen

Im liturgischen Direktorium des heutigen Tages ist zu lesen: „Wenn in der Osternacht Erwachsene durch die Feier der Sakramente in die Kirche eingegliedert werden sollen, ist heute der erste Stärkungsritus (Scrutienen) vorgesehen.“ Bei meiner Suche nach der Bedeutung dieses Wortes bin ich auf das lateinische Wort „scrutor“ gestoßen, übersetzt: „Gerümpel“. Der erste Schritt auf dem Weg zur Taufe ist es also, dass der Katechumene das Gerümpel entfernt, das sich im Haus seines Lebens angesammelt hat und nun seinen Lebensraum einengt.  Vor dem Neubeginn steht das Aufräumen.  Auch wenn die „Scrutinien“ als erste Phase der Taufvorbereitungen inzwischen einen anderen Akzent haben, bleibt das Aufräumen dennoch weiterhin wichtig, nicht nur für die Katechumenen. Die Fastenzeit ist dafür eine gute Gelgeneheit.

„Gerümpel“ meint hier nicht ausrangierte Möbel, sondern Haltungen und Gewohnheiten, Handlungsmaßstäbe, die vor Jahren nützlich und unentbehrlich waren, jetzt aber unbrauchbar sind, weil sich die Gegebenheiten geändert haben. Sie nehmen Platz weg und hindern die Annahme von Neuem.  Wir alle wissen, dass die Begeisterung für etwas Neues durch nichts so wirkungsvoll ausgebremst wird, wie durch das Bewahren alter Gewohnheiten.

Als die Frau am Jakobsbrunnen Jesus bittet, ihr das Wasser zu geben, das sie von allem Durst befreit, stößt er sie durch die Frage nach ihrem Mann auf die dunkle, unschöne Seite ihrer Vergangenheit. Das wirkt beinahe etwas lieblos.  Er tut es,   weil er weiß, der Erkenntnisprozess zur Glaubensgewissheit der Frau kann erst beginnen, wenn sie ihre eigene Wahrheit erkennt und bekennt. Leider sind diese Verse (Joh 4,15 – 19) aus dem Sonntagsevangelium gestrichen worden. Das ist schade, denn damit ist eine für das geistliche Wachstum bedenkenswerte Anregung verloren gegangen: die Sorge um das reine Herz. Das reine Herz, das bereit und fähig ist, den wahren Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten, ist nicht Ergebnis unserer Anstrengung beim Entrümpeln, sondern Geschenk Gottes. Aber wir können Gottes Tun an uns unterstützen, wenn wir uns um ein zerknirschtes Herz mühen angesichts des Gerümpels, das sich bei uns immer wieder breitmacht. Denn wie die Frau aus Samarien können wir nur Zeuginnen und Zeugen der Wahrheit Christi sein, wenn wir an uns die Scrutinien vollziehen lassen und so die Wahrheit unseres eigenen Lebens erkennen und bekennen.

Übersicht aller wöchentlichen Kolumnen 

Über die Autorin

Sr. M. Dominika Kinder CSSE ist Ordensmitglied der Schwestern v. d. hl. Elisabeth sowie päpstliche Kommissarin des Ursulinenklosters in Neustadt a. d. Dosse

Hier geht es zur Homepage der Schwestern v. d. hl. Elisabeth