Ordensgemeinschaften in Deutschland

Kolumne: Vom Zweifel und der Sehnsucht zu glauben

„Glaube ich nur, wenn ich es selbst gesehen habe!“ Das oder Ähnliches sage oder denke ich, wenn mir jemand etwas so Erstaunliches erzählt, was kaum zu glauben ist. Da werde ich wohl nicht der einzige Mensch sein, der dann so einen Zweifel hegt.

Oft genug sind Zweifel bei allzu unglaublichen Geschichten angesagt. Zu hinterfragen ist geradezu nötig in einer Zeit, in der Fake-News umherkreisen und einer KI zu begegnen, die mit ihren Möglichkeiten Inhalte generieren kann, die total echt aussehen, Menschen damit irritieren oder manipulieren (– was noch schlimmer ist –), und sich dann bei näherer Betrachtung als unwahr und falsch erweisen.

Nicht alles gleich für bare Münze zu nehmen und den ein oder anderen Zweifel zuzulassen, ist also schon eine recht gesunde Haltung im Umgang mit Informationen und Geschichten, die jemanden heute über eine Vielzahl vor allem digitaler Kanäle erreichen können.

Aus diesem Grund ist mir der Apostel Thomas im Evangelium, der an der Erscheinung Jesu als von den Toten Auferstandener im Kreis der Jünger gezweifelt hat (Joh 20,24-29), auch sympathisch. Es sind ja auch unglaubliche Geschichten, von denen die Evangelien drei Tage nach dem grausamen Tod Jesu am Kreuz und seiner anschließenden Grablegung erzählen. Wer kann das schon glauben? Zweifel an diesen Geschichten sind also angebracht!

Laut Johannes-Evangelium erscheint Jesus ein weiteres Mal in der Mitte der Jünger und bietet Thomas an, ihn zu berühren, um zum Glauben an ihn zu kommen. Wenn ich mir die Szene vorstelle, dann sehe ich einen überwältigten Menschen vor mir, und dann höre ich nicht einen tadelnden Jesus, sondern einen Jesus, der im Zweifel, den Thomas äußert, nicht einen mangelnden Glauben sieht, sondern vielmehr die Sehnsucht danach, zutiefst weiter an Jesus als den Christus glauben zu können. Ich glaube, dass es diese Sehnsucht ist, die ihn für die Erfahrung des Berührens Jesu öffnet!

Geschrieben ist dieses Evangelium ja nicht für die Zeitgenossen der Apostel, sondern für die nachfolgende Generation, die Jesus als Menschen und in der Wirkmacht seiner Botschaft nicht mehr leibhaftig erfahren haben, sich aber trotzdem nach einer tiefen Erfahrung sehnen und glauben möchten.

Es geht hier nicht um eine Art sensationeller Haptik.  Es geht hier auch nicht um einen abwehrenden Zweifel oder um Unglaube, sondern es geht um eine Sehnsucht, die sich für eine besondere Begegnungserfahrung öffnen möchte.

Die (Glaubens-)Erfahrung anderer kann mir helfen, die eigene Sehnsucht danach zu wecken. In Bezug auf den Glauben möchte ich den ersten Satz dann anders formulieren: „Es fällt mir leichter zu glauben, wenn ich eine Erfahrung der Nähe selbst gemacht habe.“ – Dafür kann ich mich bereiten und offenhalten.

 

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Über den Autor

Br. Konrad Schneermann CAN ist Leiter der Brüdergemeinschaft der Canesianer.

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