Kolumne: Zwischen Verletzlichkeit und Verheißung
Wir leben in einer Zeit, in der sich die tektonischen Platten unserer Gesellschaft verschieben: Rechtsruck, gezielte Desinformation, Polarisierung und ein Verlust an Empathie prägen das Klima. Vielfalt wird als Bedrohung wahrgenommen, Sprache wird schärfer, die Welt enger. Besonders verletzliche Menschen – Geflüchtete, Menschen mit Behinderung, Ältere oder junge Menschen ohne sichere Perspektiven – verlieren als erste an Schutz und Anerkennung.
Was bedeutet es in dieser Situation, das Evangelium zu leben? In den letzten Monaten habe ich in Gesprächen mit Mitbrüdern, bei Abendrunden, in denen man sich „eigentlich nur noch kurz zusammensetzt“, immer wieder wahrgenommen, wie sehr die Themen der Welt unsere Innenräume erreicht haben. Da sitzen Menschen zusammen, die Jahrzehnte des Gebets, der Arbeit, des Dienens geteilt haben – und sprechen plötzlich über Krieg, über Verlust von Orientierung, über Angst, über das Gefühl, dass die Welt härter geworden ist.
Gerade in Gemeinschaften, in denen viele älter geworden sind, bekommen diese Gespräche eine besondere Tiefe. Denn das Alter verleiht manchen Erfahrungen eine neue Farbe. Erlebnisse von früheren gesellschaftlichen Umbrüchen, persönliche Verluste, biografische Brüche – all das tritt nicht still ab, sondern sucht erneut nach einer Sprache, wenn die äußere Welt wieder ins Wanken gerät. Viele von uns sind geprägt von der Haltung, Belastendes eher im Gebet zu halten als auszusprechen. Doch heute braucht es beides: das Gebet und das offene Wort. Gemeinschaft ist kein Rückzugsraum, sondern ein Ort des Erinnerns und Lernens. Wenn wir unsere Konvente als Übungsfelder für Aufmerksamkeit und Zuhören verstehen, kann etwas Heilsames entstehen.
Das bedeutet:
- einander zuhören, ohne vorschnell zu urteilen,
- Unterschiedlichkeit nicht zu erklären, sondern stehen zu lassen,
- Spannungen auszuhalten, statt sie zu verdrängen.
Solche Gespräche sind nicht immer leicht. Sie können alte Wunden berühren. Aber sie können auch verbinden. Denn sie zeigen, dass unsere Gelübde nicht nur spirituelle Formeln sind, sondern eine Weise, Welt zu gestalten – mitten in ihren Widersprüchen. Vielleicht ist dies heute unser Auftrag: Räume zu schaffen, in denen Menschlichkeit möglich bleibt. Genau dort beginnt unser Zeugnis.