20.04.2017

"Man wird Jesuit, weil man fasziniert ist"

  • "Man wird Jesuit, weil man fasziniert ist"

Bonn/Schwäbisch Gmünd (KNA) Vor 100 Jahren, am 19. April 1917, wurde das sogenannte Jesuitengesetz aufgehoben. Die Mitglieder des Ordens konnten wieder nach Deutschland zurückkehren. Kurz darauf öffnete das Aloisiuskolleg in Bonn seine Pforten, die älteste der drei heute noch existierenden Jesuitenschulen landesweit. Der aktuelle Rektor, Pater Johannes Siebner (55), wird am 1. Juni Leiter der deutschen Jesuitenprovinz. Die wiederum trifft sich in diesen Tagen zu ihrem Symposium in Schwäbisch Gmünd. Zeit für ein Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): über das Leben als Jesuit, die Schule als Ort der Seelsorge. Und natürlich auch über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche, die 2010 an den Jesuitengymnasien ihren Anfang nahm.

Frage: Pater Siebner, Sie haben am Kolleg Sankt Blasien im Schwarzwald und jetzt am Aloisiuskolleg in Bonn die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen an Schulen des Jesuitenordens begleitet. Was würden Sie als Ihre wichtigste Erfahrung bezeichnen?

Siebner: Die wichtigsten Erfahrungen sind ganz sicher die Begegnungen mit zahlreichen Betroffenen und den vielen "Sekundär-Betroffenen", also zum Beispiel Eltern oder Ehepartnern von Betroffenen. Die wichtigste Erkenntnis der vergangenen Jahre ist die, dass es keinen Schlusspunkt geben soll und geben kann. Sondern dass wir uns auf einen Weg gemacht haben, auf dem wir nun gemeinsam weitergehen.

Frage: Was braucht es auf diesem Weg vor allem?

Siebner: Die wichtigsten Meilensteine heißen Anerkennung, Anerkennung, Anerkennung. Das heißt: Schauen was ist; für wahr nehmen, was ist; ernst nehmen, was ist - und dann Konsequenzen daraus ziehen. Dazu kommt: ansprechbar bleiben, das ist ganz wichtig. Die Betroffenen müssen spüren: Da ist jemand, der bereit ist, für die Institution Verantwortung zu übernehmen.

Frage: Sie haben das am Aloisiuskolleg sechs Jahre lang getan. Gab es Momente, in denen Ihnen diese Aufgabe über den Kopf wuchs, in denen Ihnen das alles zu viel wurde?

Siebner: Es gab Situationen, die sehr anstrengend waren, sehr konfrontativ. Wo ich merkte, ich werde persönlich für etwas in Haftung genommen, wofür ich eigentlich ja nur qua Amt Verantwortung übernehmen kann. Das war manchmal schmerzhaft.

Frage: Aber?

Siebner: Ich habe zunächst als Jesuit Ja gesagt zu dieser Aufgabe. Außerdem war ich ja nie ein "lonesome Cowboy". Wir sind hier im Kolleg ein Team - der Orden hat mich sehr gestützt. Insofern war ich nie verzweifelt oder hatte die Versuchung hinzuschmeißen. Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich habe es mir zu Eigen gemacht. Dazu kommt, dass mir unsere Aufgabe in Schule und Internat sehr am Herzen liegt, nämlich Bildung und Erziehung.

Frage: Wie steht es aktuell um die katholischen Schulen in Deutschland, speziell um die Jesuitenschulen?

Siebner: Was wir anbieten, wird nachgefragt. Das ist erst mal eine gute Nachricht. Es gibt einen Bedarf, Bildung und Erziehung zusammen zu denken. Das Wort Ganzheitlichkeit wird gern benutzt. Wenn die viel bemühte Idee der Ganzheitlichkeit auch eine ausdrücklich geistliche und bewusst reflektierende Dimension hat, verändert sich Schule.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht der Mehrwert einer Jesuitenschule?

Siebner: Bei uns geht es auch um religiöse Erziehung, um kulturelle Bildung; um einen weiten Bildungsbegriff, der sich abgrenzt von einem funktionalen Bildungsbegriff, mit dem wir mehr und mehr konfrontiert sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass zudem die Grunderfahrung des heiligen Ignatius vor knapp 500 Jahren heute noch gilt: Schulen sind Orte der Seelsorge. Heute würde ich ergänzen: Kirchorte.

Frage: Das klingt, als ob der Bestand der drei Jesuitenschulen in Bonn, Sankt Blasien und Berlin gesichert ist.

Siebner: Wir haben nicht vor, eine unserer Schulen abzugeben. Im Gegenteil, das Netzwerk der Schulen in ignatianischer Trägerschaft und der Jesuitenschulen, die sich in dieser Tradition sehen, wächst. Die Leute sagen mir oft: "Ihr habt eine kraftvolle Idee, eine lebendige Vision, ein umsetzbares Konzept. Das lädt gerade dazu ein, neue Schulen zu gründen." Das werden wir in Deutschland wohl nicht tun. Aber der Orden steht zu seiner Tradition in Bildung und Erziehung.

Frage: Bald treten Sie Ihr neues Amt als Leiter der deutschen Ordensprovinz an. Was macht eigentlich ein Provinzial?

Siebner: Genau weiß ich das selber noch nicht. Das werde ich ab 1. Juni feststellen. Mir scheint die Hauptaufgabe die sogenannte cura personalis zu sein: die Verantwortung des Provinzials, für die Mitbrüder da zu sein und sie zu senden.

Frage: Es gibt Pläne, die Provinz mit anderen zusammenzulegen. Siebner: Die Entscheidung ist getroffen, dass es künftig eine zentraleuropäische Provinz geben wird. Wir sind jetzt damit betraut, das vorzubereiten. KNA: Wie groß ist aktuell die deutsche Provinz?

Siebner: Sie umfasst derzeit das Gebiet Deutschlands und Schwedens mit 344 Jesuiten.

Frage: Wie sieht es beim Ordensnachwuchs aus?

Siebner: Das klingt vielleicht überraschend, aber unsere Nachwuchssituation ist eigentlich ganz gut. In Deutschland haben wir bis zu vier neue Jesuiten pro Jahr. Im Vergleich zu den 60er oder 70er Jahren ist das wenig; entsprechend ist unser Altersschnitt sehr hoch. Aber wenn ich es mit den Eintrittszahlen in Priesterseminaren oder in anderen Orden vergleiche, bin ich dankbar, dass junge Männer bei uns eintreten wollen.

Frage: Warum sollte man heutzutage Jesuit werden?

Siebner: Ich bin jetzt über 33 Jahre dabei und habe keine endgültige Antwort auf diese Frage. Warum soll man Jesuit werden? Weil der Jesuitenorden eine erfrischende Gemeinschaft ist, um heute Nachfolge Jesu zu leben. An Ihrer Frage stört mich allerdings das "sollen".

Frage: Warum?

Siebner: Man wird Jesuit, weil man fasziniert ist von dem, was ein Leben im Orden bedeuten könnte. Das hat zuinnerst mit meiner einmaligen Freiheit zu tun. Das ist nicht eine Pflicht, sondern Leidenschaft. Ich habe mich in Berlin in meiner Studentenzeit politisch engagiert, merkte aber: Da zieht mich noch mehr.

Frage: Nämlich was?

Siebner: Ich fühlte mich persönlich angesprochen und habe das mit Gott in Verbindung gebracht. Als Jesuit konnte ich beides verbinden - entschiedenes politisches Engagement und meinen Glauben. Ich denke, für mich stand die Sehnsucht nach einem erfüllten und erfüllenden Leben am Anfang. Dazu kam bei mir die Erfahrung, dass ich mein Leben nicht mir selbst verdanke. Das hat mich damals im Innersten berührt. Und ich habe es religiös gedeutet. Für mich war der Schritt in den Orden dann letztlich die passende Reaktion oder Antwort. Wir Jesuiten falten sozusagen nicht nur die Hände zum Beten, sondern krempeln auch die Ärmel hoch. Aber beides ist für uns "Gebet" und persönliche Erfüllung.

Frage: Gebet und politisches Engagement - lässt sich diese Kombination heute noch vermitteln?

Siebner: Unsere Situation derzeit stellt viele Fragen an unsere Lebensweise, an unsere Kultur. Wen die Ungerechtigkeit in der Welt nicht berührt, der hat kein Herz. Für intellektuell einigermaßen begabte Menschen muss der Ausverkauf der öffentlichen beziehungsweise politischen Reflexion ein Alarmzeichen sein. Eine Übersetzung in unsere Situation heute könnte lauten: Das Beste, was ich unserer Gesellschaft, die sich so sehr nach Gerechtigkeit sehnt, tun könnte, ist vielleicht ein Lebensentwurf als Jesuit.

Frage: Wenn Sie einen Werbeslogan für die Jesuiten entwerfen müssten, wie würde der lauten?

Siebner: Ich habe mal bei einem Sozialen Netzwerk einen Claim eingeben müssen. Da habe ich geschrieben: "500 Jahre Tradition in Innovation." Heute würde ich vorschlagen: "Ordensmänner aus Leidenschaft für Gott und die Menschen." Das sind die Jesuiten. Wer sich dann auch für ein bisschen verrückte Projekte interessiert, der ist bei uns richtig. 

Von Joachim Heinz (KNA)

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