01.08.2017

Die Welt vom Albtraum nuklearer Abschreckung befreien

Ein Zwischenruf von Prof. i. R. Dr. Heinz-Günther Stobbe zur Bundestagswahl

Mit Zwischenrufen schaltet sich "Justitia et Pax" in die Debatte vor der Bundestagswahl ein. Die Deutsche Kommission "Justitia et Pax" ist eine Art "Runder Tisch" der katholischen Einrichtungen und Organisationen, die im Bereich der internationalen Verantwortung der Kirche in Deutschland tätig sind. DOK-Generalsekretärin Sr. Agnesita Dobler OSF ist Mitglied der Kommission. Orden.de veröffentlicht die Beiträge im Vorfeld der Wahl.

Im aktuellen "Zwischenruf" kommt Prof. i. R. Dr. Heinz-Günther Stobbe zu Wort. Stobbe ist Mitglied der Deutschen Kommission Justitia et Pax und dort Moderator des Sachbereichs Frieden sowie Leiter der Arbeitsgruppe Gerechter Friede. Von 1996 bis 2013 hatte er die Professur für Systematische Theologie und theologische Friedensforschung an der Universität Siegen inne.

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In diesen Tagen jähren sich die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. In der Reihe der „Zwischenrufe im Wahljahr 2017“ analysiert Professor em. Dr. Heinz-Günther Stobbe die durch Weiterverbreitung von Kernwaffen und die Modernisierung der Potenziale wachsenden Gefahren. Er fordert verstärkte Anstrengungen „auf dem Weg zu einer vom Albtraum der nuklearen Abschreckung befreiten Welt“. „Unsere Kirche in Deutschland sollte sich in die Bewegung einreihen, die dieses Ziel anstrebt, und die Bundesregierung auffordern, ihre bisherige Haltung freundlicher Distanzierung aufzugeben und sich ebenfalls anzuschließen“, so Professor Stobbe. Niemand solle sich dabei Illusionen hingeben, denn der politische Widerstand gegen diese Bewegung sei machtvoll, hartnäckig und einfallsreich. „Es braucht einen langen demokratischen Atem, um ihn zu überwinden. Aber gerade die Kirche darf das nicht entmutigen.“

Der Atompilz sei zum Symbol, „zum Menetekel der drohenden Selbstvernichtung der Menschheit“ des 20. Jahrhunderts geworden. Die atomare Aufrüstung in West und Ost habe sich im Kalten Krieg vollzogen, dessen Umschlag in einen heißen Krieg auf diese Weise verhindert werden sollte. „Das ist tatsächlich gelungen, der Große Krieg blieb aus, aber der Dritte Weltkrieg spielte sich, was die Zahl der Opfer betrifft, unterhalb der nuklearen Schwelle in Gestalt vieler kleinerer Kriege oder Konflikte ab“, analysiert Professor Stobbe. Nach dem Ende des Kalten Krieges seien Kernwaffen in erheblichem Umfang abgebaut worden, doch werde diese Abrüstung durch einen weltweiten Modernisierungsschub und die Entwicklung neuer Waffensysteme ausgeglichen.

Es sei, so Professor Stobbe in seinem Zwischenruf, „ein schwer verständlicher und auf Dauer nicht hinnehmbarer Widerspruch, dass biologische und chemische Massenvernichtungswaffen völkerrechtlich verboten sind, nicht aber die nuklearen Kampfmittel. Es ist schwer nachzuvollziehen, mit welchem Recht einige Staaten für sich das Recht beanspruchen, Atomwaffen zu besitzen, allen anderen Staaten aber dieses Recht verweigern.“ Der atomare Status quo zementiere ein machtpolitisches Gefälle, das entweder durch eine für alle gültige Ächtung der Atomwaffen ausgeglichen werde, oder aber einen beständigen Faktor politischer und militärischer Instabilität darstelle.

Professor Stobbe hebt in seinem Zwischenruf hervor, dass insbesondere der päpstlichen Diplomatie das Verdienst zukomme, sich kontinuierlich für nukleare Rüstungsbegrenzung, Abrüstung und das Verbot von Atomwaffen einzusetzen. Vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte Papst Franziskus im November 2015: „Man muss sich für eine Welt ohne Atomwaffen einsetzen, indem man den Nichtverbreitungsvertrag dem Buchstaben und dem Geiste nach gänzlich zur Anwendung bringt bis zu einem völligen Verbot dieser Instrumente.“