05.10.2018

Berater P. Blattert SJ zur Jugendsynode: "Verschwenderisch mit unserer Zeit und unserem Vertrauen sein"

  • Foto: Clemens Blattert SJ

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Pater Clemens Blattert SJ nimmt als Berater an der derzeitigen Jugendsynode im Vatikan teil und hat mir uns über seine Gedanken zur Synode gesprochen. Der Jesuit ist Leiter der Zukunftswerkstatt SJ, die jungen Menschen einen Raum und Werkzeug bietet, über ihren Platz in der Welt nachzudenken.


P. Blattert, der Papst hat eine Reihe von Ordensoberen in die Jugendsynode berufen. Seitens der Deutschen Bischofskonferenz wurden Sie für eine Teilnahme nominiert. Was können Ordensleute zum Thema „Jugend“ beitragen?

Ich würde die Frage gerne andersherum stellen: Was können Orden von Jugendlichen lernen? Junge Menschen helfen uns dabei, selbst jung zu bleiben. Ordensleute können junge Leute fragen, wie das Leben im Kloster oder in der Gemeinschaft auf sie wirkt. Mir erzählen junge Leute beispielsweise, dass sie viele Klöster oftmals altmodisch (überall Spitzendeckchen) und vollgeramscht finden. Oder emotional kalt und unpersönlich (eher bei Männergemeinschaften). Das ist doch sehr wertvolle Kritik: Junge Menschen erinnern uns daran, dass eine Ordensgemeinschaft ein Ort sein muss, an dem man Mensch sein und werden kann.
Dann glaube ich aber auch, dass wir jungen Menschen etwas anzubieten haben. Junge Menschen suchen nach Möglichkeiten, mit Gott in Kontakt zu kommen und fragen sich, wofür es sich lohnt, sich sinnvoll einzusetzen und zu leben. Die Spiritualität und die „Mission“ eines Ordens können richtige Schatztruhen für die Suche junger Menschen werden! Aber auch hier sollten Ordensgemeinschaften sich herausgefordert fühlen, wie sie ihr Charisma ins Heute übersetzen. Das macht lebendig.

Warum ist das Jugendalter wichtig für die Frage nach Glaube und Berufungsentscheidung?

In der Phase zwischen 20 und 30 Jahren werden wesentliche Weichen für das Leben gestellt. Da stellt sich die Frage, was ich nach meinem Schulabschluss mache. Beginne ich ein Studium oder ergreife ich eine Ausbildung? Junge Menschen machen in diesen Jahren auch bedeutende Erfahrungen in Beziehungen, sowohl gute als auch enttäuschende. Es geht darum einen Partner, eine Partnerin fürs Leben zu finden. Junge Menschen ziehen von zu Hause aus, sind konfrontiert mit ihrer eigenen Verantwortung und müssen sich fragen: Nach welchen Überzeugungen will ich leben? Für was will ich leben? Auch die Weltanschauung oder der Glaube wird hinterfragt: An was glaube ich eigentlich? Worauf baue ich? Wie kann ich beten? Glaube ich überhaupt an Gott? Junge Menschen befinden sich in einem Reifungsprozess und stehen vor immensen Herausforderungen. Da braucht es eine Befähigung zur Unterscheidung und auch zum Umgang mit Krisen und Scheitern.

Vielfach besteht die Wahrnehmung, dass junge Menschen eher in Projekten leben und weniger bereit sind, Entscheidungen zu treffen, die sie für ihr Leben binden. Welchen Eindruck haben Sie?

Junge Leute wollen viel erleben und ausprobieren, sich nicht zu früh festlegen. Sie sollen ihre Freiräume ergreifen und Erfahrungen sammeln können. Das ist gut und richtig so. Gleichzeitig nehme ich aber auch wahr, dass junge Menschen nach einer gewissen Ausbildungsphase auch den Wunsch haben, anzukommen. Wo gehöre ich hin? Zu wem gehöre ich? Für was mache ich das alles? Da erkennen die Leute, dass es eine Bindung braucht und sind auch zu einer solchen bereit.
Betont man nur eine Seite, dann wird es schief: Wenn ich nur noch in Projekten lebe, kann ein notwendiger Reifungsschritt, ein Schritt zu mehr Freiheit verhindert werden. Wenn ich mich zu früh binde und festlege, ziehe ich meine Grenzen zu eng. Darin kann eine Angst liegen, die manchmal in einer späteren Lebensphase umschlägt in eine zerstörende Kraft, etwa in dem Eindruck, ich hätte in meinem Leben was verpasst.
Man sieht, es braucht immer wieder eine gute Unterscheidung, Schritt für Schritt.

Sie sind in Ihrer eigenen Ordensgemeinschaft für die „Berufungspastoral“ aktiv - was können Ordensleute / Ordensgemeinschaften jungen Menschen in diesem Zusammenhang anbieten?

Speziell wir Jesuiten können jungen Menschen die „Unterscheidung der Geister“ anbieten. Ignatius hat einen Kompass gefunden, der nicht kompliziert ist zu erlernen, da er sich aus der persönlichen Erfahrung ableiten lässt. Zentrale Fragen sind: Was bringt mich zu mehr Leben? Was raubt Leben?
Ordensleute gehen ja einen geistlichen Weg, sie suchen, sie zweifeln, sie haben Erfahrungen gesammelt, haben Fehler gemacht, sie können vertrauen und hoffen. Das prädestiniert Ordensleute als Gesprächspartner für junge Menschen. Junge Menschen schätzen es, wenn man ihnen zuhört, wenn sie Räume haben, in denen sie sich frei aussprechen können. Wo ihnen Raum und Zutrauen geschenkt wird, dass sie eben ihren eigenen Weg suchen und finden dürfen. Dass sie ihre Fehler machen dürfen. Dass sie neu Gott und das Leben entdecken dürfen.
Wir Ordensleuten sollten verschwenderisch mit unserer Zeit und unserem Vertrauen in das Gute in den jungen Menschen sein. Das ist stärkend und befreiend.

Sie selbst sagen, dass das jeder Mensch eine Berufung hat – Sie plädieren demnach für einen „weiten Berufungsbegriff“. Vereinnahmt die Kirche umgekehrt Jugendliche, wenn sie um Nachwuchs wirbt? Darf sie das noch?

Ja, mir ist es sehr wichtig, dass wir allgemein junge Menschen ermutigen, ihre je eigene Berufung zu suchen! Wenn wir das von Anfang an einschränken auf einen geistlichen Weg, dann erfüllen wir die Bedingung der Freiheit nicht. Das ist aber eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Suche und Entscheidung.
Dennoch darf jede Ordensgemeinschaft und die Diözesen sagen, was es bedeutet Priester, Ordensfrau oder Ordensmann zu sein. Was schön daran ist, was schwierig ist, was verlangt wird und wie die Ausbildung aussieht. Wir dürfen von unserem Leben erzählen. Das ist für mich kein „Recruiting“, das Menschen verführt.
Aber jede Gemeinschaft sollte sich ehrlich fragen, ob sie junge Menschen guten Gewissens aufnehmen kann: Gibt es eine funktionierende Ausbildung? Gibt es genügend Freiraum? Gesprächspartner? Eben die Möglichkeit für ein gesundes Leben im Orden. Wenn das nicht der Fall ist, sollte eine Gemeinschaft auch so ehrlich sein zu sagen: Wir dürfen nicht mehr um Nachwuchs werben.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich als Ordensmann von der Jugendsynode?

Dass auf Seiten der Kirchenleitung Offenheit und Mut für neue Ideen da sind, dass eine Atmosphäre von geistlichen Start-ups entsteht.
Und gleichzeitig erhoffe ich mir, dass junge Menschen für die Schätze der Kirche und der Tradition neugierig werden und diese neu entdecken. Dass sie erkennen, dass vieles in der Kirche dem dient, was sie suchen: echte Freiheit, gelingende Gemeinschaft, erfülltes Leben und die Überzeugung, hier in dieser Welt einen wichtigen Beitrag zu leisten.