20.12.2019

„Eine ganze Generation soll religionslos aufwachsen“

P. Martin Welling SVD über die besorgniserregende Lage von Christen in China

  • „Eine ganze Generation soll religionslos aufwachsen“

Religion hat in China unter der Führung der kommunistischen Partei nur wenig Platz. Daher ist die Lage dort für verschiedene religiöse Gemeinschaften prekär. P. Martin Welling ist Direktor des China-Zentrums in Sankt Augustin, das sich für Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China einsetzt. Neben den großen kirchlichen Hilfswerken sind auch eine Reihe von Ordensgemeinschaften und Diözesen Träger des China-Zentrums. P. Welling ist selbst Steyler Missionar. In seinem Weihnachtsbrief an die Mitglieder und Freunde des China-Zentrums bringt er seine Sorge über die gegenwärtige Situation der Christen in China zum Ausdruck.

Die kommunistische Partei, so P. Welling, ergreife verschiedene Maßnahmen, um Druck auf besonders jene Religionen auszuüben, die sie als „nicht-chinesisch“ ansehe, also insbesondere das Christentum und den Islam.

Neben kirchlichen Gebäuden ohne genügende und vollständige Baugenehmigungen würden immer wieder auch „legale kirchliche Gebäude mit Begründungen zerstört, wie: sie seien ‚zu auffällig‘, oder würden ‚die Autofahrer auf der Autobahn ablenken‘“. Auch soziale Einrichtungen der katholischen Kirche seien betroffen: so seien Waisenheime aufgelöst worden, und Ordensschwestern als Kindergartenleiterinnen hätten zurücktreten müssen. Er erläutert die Logik hinter diesen Maßnahmen: „Das Ziel dieser Repressalien ist nicht nur die totale Kontrolle der Religionen, sondern auch, diese aus dem öffentlichen Leben möglichst hinauszudrängen, ihnen ein Image des möglicherweise sozial Gefährlichen anzuhängen.“

Viele praktizierende Christen leiden nach P. Welling aber vor allem unter einer anderen Maßnahme: „Was viele Gläubige aber am meisten schmerzt (und auch nicht der Verfassung Chinas entspricht), ist das immer umfangreicher implementierte Verbot, Minderjährige religiöse Stätten besuchen zu lassen oder religiöse Unterweisung zu ermöglichen. So gibt es in vielen Gemeinden keine Messdienerinnen und Messdiener mehr.“ Somit werde den Gemeinden die Möglichkeit genommen, christliche Werte und Traditionen an die jüngeren Menschen weiterzugeben. „Sie nehmen uns die Beine zum Laufen“, meinte ein Priester in China, den P. Welling zitiert. Und der Direktor des China-Zentrums fügt selbst hinzu: „Eine ganze Generation soll religionslos aufwachsen.“

Auch auf Entwicklungen vor dem Hintergrund des Abkommens zwischen China und dem Vatikan geht P. Welling ein. Zum ersten Mal nach der Unterzeichnung des besagten Abkommens seien zwei Bischöfe gewählt worden. P. Welling macht in diesem Kontext auf kritische Aspekte aufmerksam: „Bei den Weihen wurde jeweils am Schluss der Verlesung der Ernennungsurkunde verkündet: der Papst habe der Wahl des Kandidaten ‚zugestimmt‘. Dies ist neu und zweifellos als positiv anzusehen. Damit wird dem Papst eine wichtige, wenn auch nicht genau definierte, Rolle zugestanden. Auf die Entwicklungen in der Unterdrückung der Kirchen hat das Abkommen anscheinend kaum oder gar keinen Einfluss, nur dass die Behörden die Priester der Untergrundkirchen nun massiv unter Druck setzen, sich registrieren zu lassen, jetzt mit dem Argument, der Papst habe ja bereits ‘zugestimmt' und er ‘stünde doch jetzt auf ihrer Seite', also auf der Seite der Patriotischen Vereinigung. Das stimmt natürlich so nicht, aber die Geheimhaltung des Inhalts des Abkommens fördert solche Interpretationen.“

Die Wiederaufnahme von sieben illegal geweihten Bischöfen im Jahr 2018 und die damit erreichte Einheit aller Bischöfe mit dem Papst habe den Umgang der Bischöfe untereinander erleichtert, so P. Welling. Trotzdem seien viele Gläubige verunsichert. Er zitiert einen alten Untergrundpriester: „Wir haben keine Angst vor dem Staat, auch keine Angst vor der Partei, wir haben nur Angst, dass der Papst uns vollständig fallen lässt.“

Der Direktor des China-Zentrums macht auf die Herausforderungen aufmerksam, mit denen der Vatikan in dieser Situation konfrontiert sei: „Man kann sich vorstellen, wie schwierig es für den Vatikan sein muss, in diesem Klima der Unterdrückung der Religionen und des totalitären Anspruchs der kommunistischen Partei, aber auch vor dem Hintergrund der schmerzlichen und negativen Erfahrungen, die China vor allem in der Kolonialzeit mit dem Christentum gemacht hat, trotz allem zäh zu verhandeln“. Er anerkennt jedoch, dass es darum gehe, „Freiräume für ein öffentliches katholisches Glaubensleben zu erringen und die Einheit der katholischen Kirche Chinas mit der Weltkirche zu bewahren und zu stärken“.

Das China-Zentrum bemühe sich in seinen verschiedenen Arbeiten, so P. Welling, die chinesischen Gläubigen spüren zu lassen, dass sich die deutschsprachigen Kirchen eng mit den Schwestern und Brüdern in China verbunden fühlen. Das Team des China-Zentrums werde weiterhin Entwicklungen in China beobachten und darüber berichten. So setze es ein Zeichen der Solidarität mit den chinesischen Gläubigen.

Mehr Informationen hier auf der Seite des China-Zentrums.