29.07.2020

"Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf": Klöster als Bildungszentren

In Zeiten, in denen religiöse Bindungen für Viele nicht selbstverständlich sind, suchen immer mehr Menschen Antworten auf die Fragen unserer Zeit: Was ist wichtig im Leben? Was gibt mir Halt? Wie sind gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen einzuordnen? Anfang Juli sagte Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die Kirche könne sich zu einer Art Wegstation entwickeln, an der die Menschen offene Türen, Menschen mit offenen Ohren und Herzen und einem lebendigen Wort finden könnten; Gastfreundschaft zähle seit Urzeiten zu den am meisten geschätzten christlichen Begabungen.

Auch Klöster können solche Orientierungspunkte und Wegstationen für suchende Menschen sein – auch in der Coronakrise. Menschen mit ihren verschiedenen Weltanschauungen können dort ihr Leben und die „Zeichen der Zeit“ im Licht Gottes deuten und verstehen, gesellschaftliche und kirchliche Vorgänge reflektieren, sich mit anderen Menschen austauschen und an vielfältigen Formen der Liturgie teilnehmen. Unsere Artikelreihe beschäftigt sich mit Kloster-„Typen“, die so auch auf unserer Geistlichen Landkarte zu finden sind - auch wenn sie natürlich nicht alle scharf voneinander abzugrenzen sind. Vielleicht ist ja auch ein mögliches Ziel für Sie dabei?

© Abtei Frauenwörth

Mitten im Chiemsee, dem „Bayerischen Meer“, umgeben von blauem Wasser und schneebedeckten Berggipfeln liegt auf einer Insel das Kloster Frauenwörth. Wer dort hinkommen möchte, muss das Schiff nehmen. Wer hier herkomme, so schreiben die Benediktinerinnen der Abtei auf ihrer Homepage, könne etwas vom Sinn und der Schönheit ihres Lebens nach der Regel des Heiligen Benedikt entdecken. Zur Klosteranlage gehören neben dem eigentlichen Kloster und der Kirche nicht nur der Klosterladen und verschiedene Produktionsstätten, sondern auch ein großer Seminarbereich: Christen verschiedener Konfessionen und auch Angehörige anderer Weltreligionen sind hier herzlich willkommen. Und auf dem Kursplan stehen die verschiedensten Veranstaltungsarten – von Exerzitien über Yogakurse und Musikseminare, etwa zum gregorianischen Choral, bis hin zur Weiterbildung für Mitarbeiter von Unternehmen der freien Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes sowie internationale Kongresse. Das Anliegen der Benediktinerinnen: Ruhe und Besinnlichkeit mit moderner Erwachsenenbildung in Einklang zu bringen.

Bildung gehört zu den Kernkompetenzen der Ordensgemeinschaften. In den europäischen Klöstern, die im Mittelalter Zentren der Bildung waren, wurde geschrieben und gelesen, große Klöster unterhielten Lateinschulen, Bibliotheken und Skriptorien. Das antike Wissen wurde hier tradiert und die christlichen Schriften wurden kommentiert und verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben Ordensgemeinschaften im Neuaufbau des schulischen Bildungswesens – insbesondere der Mädchenbildung – wichtige Aufgaben übernommen.  Schon zuvor gab es manch eine Ordensgemeinschaft – etwa die der Ursulinen – bei der der Bildungsauftrag im Vordergrund ihres Charismas stand.

Viele Ordensgemeinschaften widmen sich auch heute noch weitgehend dem Thema der Bildung: Als Kommunität, die nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gegründet wurde, hat die HEGGE-Gemeinschaft sich die christliche Bildung zur Lebensaufgabe gemacht. In vielen Ordensgemeinschaften ist das Bildungsangebot Ein wichtiger Tätigkeitszweig: Es gibt eine Vielzahl von Bildungseinrichtungen von Ordensgemeinschaften – oft handelt es sich dabei um Bildungs- und Exerzitienhäuser, die in der alten Tradition der Klöster als Bildungsorte stehen und Wissen und Glauben zusammenbringen. Damit ist die Balance angesprochen, die diese ordensgetragenenen Einrichtungen wahren wollen: Damit ein Bildungshaus auch geistliches Zentrum sein kann, muss es entsprechend – nicht nur personell – ausgestattet sein. Die betende Präsenz der klösterlichen Kommunität ist hier prägend. Auf dem Programm stehen neben inhaltlichen Seminaren Einkehr- und Oasentage oder das Angebot der Mitfeier der Gottesdienste und der Tagzeitenliturgie. Die meisten Einrichtungen dieser Art richten sich sowohl an Einzelgäste, als auch an Gruppen oder an Tagungsgäste.

In den vergangenen Wochen und Monaten waren viele dieser Einrichtungen durch die Schließungen durch die Corona-Pandemie betroffen: Ins Kloster Frauenwörth kommen normalerweise bis zu 20.000 Seminargäste pro Jahr, dieses Jahr mussten die Kurse zwischen März und Ende Mai ausfallen. Inzwischen startet der Kursbetrieb in den Bildungshäusern der Ordensgemeinschaften nach und nach wieder – natürlich unter Auflagen.

Auf der geistlichen Landkarte auf orden.de finden sich derzeit 29 klösterliche Bildungshäuser.