Die HEGGE-Frauengemeinschaft
“Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” (Mt. 18,20). Nicht selten zählen selbständige Klöster oder Ordensniederlassungen nur wenige Mitglieder – manchmal sind es tatsächlich eher „zwei oder drei“ als mehrere Dutzend. Aber genau diese Verheißung Christi, in ihrer Mitte gegenwärtig zu sein, lässt viele kleine Gemeinschaften auf besondere Weise ausstrahlen.
Dabei sind sie so vielfältig wie die Kirche selbst. Sie prägen eine bunte Landschaft aus Spiritualitäten, Charismen, Werken und Missionen. Während einige ihren Schwerpunkt auf Bildung und die Vertiefung des Glaubenswissens legen, widmen sich andere der praktischen Unterstützung von Familien oder vielfältigen Formen geistlicher Begleitung. In unserer Sommerreihe möchten wir einige dieser kleinen Gemeinschaften in Deutschland vorstellen. Dabei richten wir den Blick auf das oft stille und unscheinbare, zugleich aber wirkungsvolle Wirken Gottes durch Menschen, die sich in seinen Dienst stellen. Sie bauen am Reich Gottes auf Erden mit.
Den Auftakt macht eine Gemeinschaft, die auf einer Anhöhe nahe der Stadt Willebadessen im Erzbistum Paderborn beheimatet ist. Diese Anhöhe gab der Gemeinschaft ihren Namen: die HEGGE. Der Name leitet sich von einem alten Begriff für das „Umhegte“ oder „Höhe“ ab.
Die HEGGE-Frauengemeinschaft
Die HEGGE-Gemeinschaft ist eine kleine katholische Frauengemeinschaft im Erzbistum Paderborn, die sich seit ihrer Gründung der christlichen Erwachsenenbildung verschrieben hat. Herzstück ihrer Arbeit ist das Christliche Bildungswerk Die HEGGE, in dem das ganze Jahr über Tagungen, Seminare und Bildungswochen stattfinden. Dabei gehe es, wie Oberin Dorothea Mann betont, nicht allein um die Vermittlung von Wissen, sondern um eine ganzheitliche Bildung, mit Leib und Seele.
Gründungsimpuls
Die Wurzeln der Gemeinschaft reichen in das Jahr 1945 zurück. In den Trümmern des Zweiten Weltkriegs schloss sich eine Gruppe junger Frauen zusammen, um einen Ort geistiger Freiheit zu schaffen. Bildung sollte einen Beitrag zum demokratischen Neubeginn leisten. „Damals ging es darum, Demokratie aufzubauen“, erzählt die Oberin. „Heute geht es darum, sie zu erhalten.“
Die Gründerinnen verstanden die christliche Verkündigung nicht ausschließlich als Aufgabe von Predigt und Katechese. Sie wollen Menschen indirekt über Kunst, Literatur, Musik und Tanz erreichen und darin ihren Glauben einfließen lassen. Gerade Tanzveranstaltungen sind immer wieder besondere Erfahrungen, erzählt die Oberin. Menschen hätten dort Momente, in denen sie zu sich selbst und zu ihrer inneren Mitte finden.
Eine Frauenkommunität nach benediktinischer Regel
Das Leben der HEGGE-Frauen orientiert sich an der Regel des heiligen Benedikt. Maßgeblich sind dabei die benediktinischen Grundhaltungen oboedientia, stabilitas und conversatio morum – das Hören auf Gott und die Mitmenschen, Beständigkeit sowie die Bereitschaft, das eigene Leben immer wieder neu auszurichten.
Zurzeit leben vier Schwestern in der Kommunität. Zweimal täglich kommen sie zum gemeinsamen Gebet zusammen, daneben gehören persönliche Gebetszeiten ebenso zum Tagesablauf wie die Vorbereitung und Nachbereitung der Seminare sowie die Pflege des Hauses und der weitläufigen Außenanlagen.
Ein besonderes Anliegen der HEGGE ist die Gastfreundschaft. Auch die Ökumene spielt dabei eine wichtige Rolle. So lädt die Gemeinschaft bewusst evangelische Christen zum gemeinsamen Gottesdienst ein. „Nicht wir laden ein, sondern Christus“, erklärt die Oberin. Jedes Jahr findet zudem ein ökumenisches Kirchenführungsseminar statt, bei dem auch evangelische Pastoren predigen. Der Austausch mit anderen christlichen Traditionen sei für die Bildungsarbeit eine große Bereicherung.
Äußerlich unterscheiden sich die Hegge-Frauen kaum von den Besuchern. Sie tragen keinen Habit. Allein ein Ring mit einem Stein zeigt ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. „Wir möchten den Menschen im Alltag nahe sein“, erklärt Dorothea Mann. Die zeitgenössische Kleidung sei Ausdruck dieses Selbstverständnisses.
Die Berufung zur HEGGE-Frau versteht die Gemeinschaft ebenso wie in anderen Gemeinschaften als einen geistlichen Ruf Gottes. Interessentinnen sollten daher nicht nur über persönliche Reife und Mündigkeit verfügen, sondern auch bereit sein, praktisch anzupacken und auf Gott sowie aufeinander zu hören.
Die Oberin selbst berichtet, dass sie bei ihrem ersten Kontakt mit der HEGGE besonders von der Ästhetik des Ortes, der Parkanlage sowie der ausschließlich weiblichen Leitung der Gemeinschaft beeindruckt gewesen sei. Dieser Eindruck habe sich mit dem Ruf Gottes zu einem geistlichen Leben verbunden und so ist sie selbst in die Gemeinschaft eingetreten.
Mit der Gemeinschaft verbunden ist außerdem der Hegge-Rring, dem derzeit zwölf Mitglieder angehören. Ähnlich wie Oblaten legen sie ein Versprechen ab, verzichten jedoch auf ewige Gelübde. Die Frage nach einem männlichen Zweig habe sich innerhalb der Gemeinschaft bislang nicht gestellt. Sollte sich jedoch ein Mann oder auch ein Ehepaar für den Hegge-Ring interessieren, könne sie sich vorstellen, einer solchen Anfrage offen zu begegnen.
Dass ein Leben in Gemeinschaft heute nicht mehr selbstverständlich ist, erlebt die Oberin immer wieder. Manche Interessentinnen entschieden sich letztlich gegen den Eintritt, weil sie ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben möchten. Dennoch blickt sie optimistisch in die Zukunft. Sie ist überzeugt, dass verbindliche Gemeinschaften gerade in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft wieder an Bedeutung gewinnen werden. “Gerade junge Menschen spüren, dass sies ich verbünden müssen.”
Das Christliche Bildungswerk liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Nethetals und ist von einer rund 8,5 Hektar großen Parklandschaft umgeben. Bis heute versteht die Gemeinschaft die Außenanlagen als Teil ihres spirituellen Lebens. „Es ist kein englischer Garten, sondern einer, der in Wildnis übergeht“, beschreibt Dorothee Mann den Charakter des Geländes. Die naturnahe Gestaltung soll Raum für Menschen und Tiere gleichermaßen bieten und zugleich Orte der Ruhe und Besinnung schaffen - demnach wird der Garten auch nicht für die Landwirtschaft genutzt, sondern es ist ein Freiraum für Körper und Seele. Dort werden Gottesdienste gefeiert, dort gibt es meditative Rundgänge oder Seminareinheiten zur Naturpädagogik.
Auch Nachhaltigkeit gehört für die Gemeinschaft selbstverständlich zum Alltag. Das zeigt sich nicht nur im Umgang mit der Natur, sondern auch bei der Bewirtung der Gäste. Die Mahlzeiten seien nach benediktinischer Tradition so geplant, dass alle ausreichend versorgt würden, gleichzeitig aber möglichst wenig Lebensmittel weggeworfen werden müssten, berichtet Frau Dorothea.
Das Leben der Hegge-Frauen basiere auf Vertrauen. Immer wieder erlebe die Gemeinschaft, dass sich in schwierigen Situationen unerwartete Wege auftäten – etwa wenn finanzielle Unterstützung für ein Projekt zunächst fehle und schließlich doch Spenden eingingen oder sich neue Möglichkeiten eröffneten. Für die Oberin sind diese Erfahrungen ermutigend und bestärkend.
Das Bildungshaus Die HEGGE
Die Bildungsarbeit bildet den Schwerpunkt des gemeinschaftlichen Lebens der HEGGE. Unter dem Leitgedanken „Bildung macht mündig“ versteht sich das Christliche Bildungswerk als Ort des Dialogs, an dem gesellschaftliche, politische und religiöse Fragen aus christlicher Perspektive aufgegriffen werden. Das Programm umfasst Tagungen, Seminare und Bildungswochen.
Getragen wird das Bildungswerk von den Schwestern der Gemeinschaft und einem Team pädagogischer Mitarbeiter. Gemeinsam entwickeln sie das Jahresprogramm, das rund 50 Veranstaltungen umfasst. In regelmäßigen Redaktionssitzungen werden Themenvorschläge gesammelt und diskutiert.
Dass Bildung vor allem Begegnung und Perspektivwechsel ermöglichen soll, verdeutlicht die Oberin anhand einer Begebenheit, die ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist. Vor rund zwanzig Jahren war eine Studentenverbindung zu Gast auf der HEGGE. Im Gespräch über Israel und Palästina wurden zahlreiche Vorurteile gegenüber Palästinensern geäußert. Anstatt die Diskussion dabei zu belassen, griff das Bildungshaus das Thema im folgenden Jahr mit mehreren Veranstaltungen auf. Besonders einer der Gäste aus dem Vorjahr habe sich intensiv auf die Auseinandersetzung eingelassen und schließlich ein deutlich differenzierteres Bild von den Menschen in Palästina entwickelt.
Jedes Jahr besuchen nach Angaben der Gemeinschaft rund 3.000 bis 4.000 Menschen die Veranstaltungen des Bildungswerks. Etwa 1.000 von ihnen zählen zu den sogenannten HEGGE-Freunden und nehmen regelmäßig an den Angeboten teil.
Finanziert wird das Bildungswerk unter anderem durch Zuschüsse nach dem Weiterbildungsgesetz Nordrhein-Westfalen sowie durch Spenden. Gleichzeitig legt die Gemeinschaft großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Weder eine politische Stiftung noch eine kirchliche Institution stehen hinter der HEGGE. „Manchmal bedeutet das, dass uns ein Schutznetz fehlt“, sagt Dorothee Mann. Dennoch sei diese Eigenständigkeit bewusst gewählt. Sie ermögliche es, Themen frei zu setzen und Bildungsarbeit unabhängig von institutionellen Vorgaben zu gestalten.