Ordensgemeinschaften in Deutschland

COP30 in Belém: Ein franziskanischer Blog

10. bis 21. November 2025

Br. Vicente Michael Imhof OFMConv berichtet von der UN-Klimakonferenz (COP30), die vom 10. bis 21. November 2025 im brasilianischen Belém stattfindet.

Der Ordensmann gehört der deutschen Provinz St. Elisabeth der Franziskaner-Minoriten an, er lebt jedoch seit vielen Jahren in Peru. Br. Vicente ist Mitglied des internationalen Vorstands von "Franciscans International" (FI) an - einer Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen, die sich dort für den Schutz der Menschenwürde und für Umweltgerechtigkeit einsetzt. Parallel zur COP30 tagt auch das Direktorium von Franciscans International.
Auf vielen Ebenen engagieren sich Ordensgemeinschaften für die Schöpfung und auch für den Klimaschutz. Im Vorfold der COP30 hat die DOK  gemeinsam mit weiteren Organisationen aus dem Ordensbereich Ende Oktober eine Erklärung „Ordensleben für Klimagerechtigkeit: Hoffnung in Taten umsetzen” unterzeichnet.


Sonntag, 16. november

Die COP 30 geht in die zweite Woche – die Woche, in der Entscheidungen getroffen werden sollen. Für mich selber, und auch einen guten Teil der franziskanischen Familie, geht die Zeit in Brasilien zu Ende. Der Tag hat für mich drei Fixpunkte: am Morgen will ich noch einmal an die Universität von Pará zum „Gipfel der Völker“, denn die Veranstalter wollen den „offiziellen“ Autoritäten der COP ihre Abschlusserklärung übergeben; um 11 Uhr morgens werden wir dann als franziskanische Familie im Stadtzentrum mit den Gläubigen der Pfarrei „Sao Antonio de Lisboa“ der Franziskaner die „normale“ Sonntagsmesse mitfeiern; und zwischen 15 und 16 Uhr muss ich mich dann definitiv auf den Weg zum Flughafen machen.

Getreu der bekannten Maxime nachdem „der Geist willig, das Fleisch aber schwach“ ist, finden sich nach dem Frühstück gerade mal drei Brüder ein, um sich auf den Weg zur Uni zu machen ... allen anderen Schwestern und Brüdern steckt wohl der Marsch von gestern noch in den Knochen und sie versichern, uns lieber um 11 Uhr bei den Franziskanern im Zentrum zu treffen. Auch gut.

Als wir gegen 9 Uhr am großen Zelt des „Gipfels der Völker“ ankommen, ist schon eine Menge Leute auf den Stühlen  verteilt, und man spürt die Erwartung. Eine Band mit ausschließlich weiblicher Zusammensetzung singt fröhlich-kämpferische Lieder in Portugiesisch, die von vielen mitgesungen werden. Es gibt eine Art „spontane Liturgie“ des Einzugs verschiedener Organisationen mit Fahnen. Vor allem die Bewegung der Landlosen fällt auf: sie sind in großer Zahl angereist und viele von ihnen scheinen auch von anderen Teilnehmern wiedererkannt zu werden. Ich selber sitze mit meinem grauen Habit eher hinten, denn wir drei können ja wegen der Messe um 11 Uhr nicht lange bleiben. Und der Habit „zieht“ auch jetzt wieder Blicke und freundliche Begrüßungen an. Auffallend dabei: die weißen Menschen mit ihren eher „freizügigen“ Outfits – und dem entsprechenden Benehmen – schenken mir deutlich mehr fragend-misstrauende Betrachtung als die indigenen Schwestern und Brüder, die mich ganz unverklemmt spüren lassen, dass ich trotz der weißen Haut einer der ihren bin. Das Ganze enthält vielleicht sogar eine Messerspitze Humor, denn im Gegensatz zu einer guten Zahl der anderen Bleichgesichter, habe ich mir keine „Kriegsbemalung“ verpasst, ich trage nur die 800 Jahre alte „Designermode“ der Franziskaner. Und mir ist klar, dass ich in Demut danken muss: es waren Brüder – und vor allem Schwestern – der franziskanischen Familie und andere Ordensleute der längeren und näheren Vergangenheit, denen ich das Wohlwollen verdanke, das mir von den mit Federn geschmückten alten und jungen Menschen geschenkt wird. Das tut einem alten Missionar in der Seele wohl! Ja, und dann stimmt die Damenband vorne auch noch „La Cigarra“ von Mercedes Sosa in sauberem Spanisch mit elegantem portugiesischem Akzent an; und gleich danach das unerreichte „Todas las sangres, todas“. Wir Spanischsprechenden stimmen gewaltig ein ... Ich schlage den Brüdern vor, jetzt doch bitte Richtung Stadtzentrum zu gehen, denn sonst versagt mein Herz vor Emotion!

In der Pfarrkirche von „Sao Antonio de Lisboa“ ist kein Platz mehr frei. Der liturgische Einzug unserer Truppe aus Schwestern und Brüdern mit und ohne Habit mag dem des „Gipfels der Völker“ an freischaffender Kunst und Spontanität durchaus ebenbürtig sein, wir werden halt auch mit Applaus begrüßt. Es wird eine schöne, festlich-freudige Liturgie; die Brüder haben die Klimaanlage auf Vollkraft gestellt, aber auch sonst ist mir die Hitze kein wirkliches Problem mehr, sie ist vielleicht sogar eine Art „Symbol“ für die menschliche Wärme, die in dieser Messe als krönendem Abschluss der dichten Tage in Belém spürbar wird.

Ich fahre nochmal zu den Kapuzinern, packe meine Sachen, verabschiede mich von den Brüdern im Haus, schnappe das Taxi zum Flughafen ... Klar: ich freue mich mächtig auf mein Perú und schreibe doch noch kurz vorm Einstieg in den Flieger nach Sao Paulo und Lima in den Gruppen-Chat dieser Tage „Ich sitze noch nicht im Flugzeug und vermisse euch schon …“. Und das ist nicht gelogen!

Postscriptum:

Am Abend gab es noch hohen Besuch bei den Kapuzinern: Kardinal Abongo OFM Cap. aus dem Kongo, einem tapferen Kämpfer gegen Bergbau in seinem Land und Mitautor der Stellungnahme der „Kirche des globalen Südens“ – „A call for climate justice and the common home: ecological conversion, transformation and resistance to false solutions“ - die in der franziskanischen Familie und auch außerhalb von Kirchenkreisen großes Echo fand. Ich hätte diesen tapferen Mitbruder gerne getroffen, aber ich war ja schon am Flughafen bzw .im Flieger nach Sao Paulo.

Postscriptum 2:

Das Manifest des „Gipfels der Völker“ wurde dann gegen Abend publik: ein herausfordernder Text, bei dem ich, bei aller Liebe, einige Einseitigkeiten entdecke. Aber der größere Teil der Vorschläge hat meine Zustimmung. Und wenn ich den Text gegen die oben erwähnte Stellungnahme der Bischöfe des globalen Südens gegenlese, dann kann mir keiner nehmen, dass ich – gut franziskanisch – damit durch und durch gut katholisch bin.


Samstag, 15. November

"Marsch fürs Klima" und Seminare zur Resiliation und Innovation

Heute also der Tag des „großen Marsches“. Wir hatten uns gestern Abend noch einmal getroffen, um die Plakate vorzubereiten mit den Botschaften, die wir bei der mit Spannung erwarteten Demonstration unterbringen wollten. Es hatte wirklich Spaß gemacht. Ich selber war allerdings ein bisschen unsicher mitzumarschieren, denn für heute habe ich noch einmal einen Pass für die blaue Zone, aus der ich gestern so viele gute Eindrücke mitbringen konnte. Beides ist aber möglich: ich werde eine Zeit mitgehen, und dann noch einmal in der blauen Zone sein. Die Konzentration der Marschierenden ist in sich selber schon ein Ereignis; es gibt Musik, Tanz, viele Umarmungen von Leuten, die sich entweder während der letzten Tage kennenlernten oder schon ein halbes Leben miteinander zu tun hatten in verschiedensten Formen von Aktivismus. Ohne Frage hatten unsere indigenen Schwestern und Brüder die meisten Kameras, aber auch unsere verschiedenen franziskanischen Habite fanden ihr Publikum unter den Presseleuten. Als sich die Menge dann endlich in Bewegung setzt, finden wir uns wieder zwischen den Schwestern des Netzwerks „Grito pelo Vida“ und den roten Fahnen der Arbeiterpartei, also der Bewegung Lulas. Die Träger der roten Fahnen freuen sich sichtlich, mit unserer Nähe rechnen zu können. Wenn ich mir das übrige bunte Gemisch der Regierenden in unserem geliebten Lateinamerika vor Augen führe, denke ich, dass wir keinen Grund zur Klage haben.

Die Sonne aus dem fast wolkenlosen Himmel zeigt keine Gnade mit den Marschierenden; trotzdem spüren wir, dass unsere Zahl ständig wächst, und damit der Enthusiasmus unter uns.

Als wir gegen Mittag endlich am Salsódromo ankommen zur Abschlusskundgebung des Marsches, mache ich mich schließlich auf den Weg in die blaue Zone. Ich hatte angenommen, in Anbetracht der Menge, die am Marsch teilgenommen hatten – es sollen rund 70 000 gewesen sein – weniger Menschen in der blauen Zone anzutreffen. Aber weit gefehlt: die Teilnahme an den Veranstaltungen, und genauso wie die pausenlose Bewegung in den Gängen, hat nicht abgenommen. Ich wähle zwei Themen aus; einmal ein spannendes Seminar zu den Möglichkeiten und Grenzen des „Scaling up of innovation in agriculture“ mit Teilnehmern aus drei Kontinente, und dann eine Veranstaltung zu „Resilience to climate change“ unter der Verantwortung einer englischen NGO, aber vor allem des peruanischen Umweltministeriums. Beim ersten Seminar genieße ich die Stimmen aus dem Publikum, vor allem jene, die Wert auf „Weiterbildung“ legen neben der Verstärkung des Zugangs zu Informationstechnologien. Allerdings bleibt mir auch eine Frage: müssen nicht auch die „Profis“, also die akademischen Spezialisten in Agrarinnovation, „weitergebildet“ werden in der Kunst, die Stimmen und Erfahrungen „einfacher Bauern“ ernstzunehmen, die mit sehr detaillierten Kenntnissen lokaler Gegebenheiten und alternativer „kultureller Brille“ auf ihren Boden und ihre Tiere schauen? Das zweite Seminar dann echt frustrierend: die englischen NGO-Leute luden Akademiker aus aller Herren Länder ein, die aktuelle Information mitbringen, weltweit und auch konkret für unser Perú passend ... allerdings gibt es keine spanische Übersetzung. Ob es daran liegt, dass die Stühle im Publikum meistens unbesetzt bleiben? Mit wachsender Ungeduld stelle ich fest, dass im Saal niemand aus Perú kommt (eine Dame mit „unseren“ Zügen sagt, sie komme aus Brasilien, nicht aus Perú), so frage ich schließlich bei einer der „Offiziellen“ nach: nein, man habe keine Finanzierung für eine Übersetzung ... Dann will ich wissen, ob man denn wisse, dass Sprache mit Respekt zu tun hat; das Ausschließen der Landessprache eventuell als Missbrauch, sogar als eine Form von Kolonisierung, gelesen werden könne. Man schaut mich etwas betreten an; dann dankt die Dame britisch-vornehm, aber sicher sehr ehrlich für das „insightful feedback“ und verspricht Besserung für das nächste Jahr.

Zurück im Konvent schauen die Schwestern und Brüder die Nachrichten: da ging echt was ab beim Marsch! Wir können stolz sein!


Donnerstag, 13. November

Gipfel der Jugend und katholische Begegnung im Sitz der brasilianischen Bischofskonferenz

Der „People‘s Summit“ hat sicher eine ganz besondere Atmosphäre, und ich gehe morgens frohen Schritts an die Universität von Pará, um wieder einiges zu lernen und vor allem spannenden Menschen zu begegnen. Nach einer ersten Orientierung finde ich mich wieder in einer der großen Veranstaltungen zu Rassismus. Die künstlerischen Aktivitäten – ein begeisterndes Ballett, heftiger Applaus – erlauben uns einen wirklich „ganzheitlichen“ Zugang zu einem tiefliegenden Problem: Klimagerechtigkeit hat sehr viel mit Gewalt gegen indigene Menschen zu tun und darum eine ganze Menge mit Rassismus. Die Universität von Pará liegt am Fluss Guamá im System des Amazonas, ein wirklich faszinierender Campus. Ich gehe erst am Flussufer weiter und treffe auf eines der Schiffe, die gestern noch ein Teil der Flotte gewesen waren, und werde von einem Dozenten der Uni Bochum angesprochen, der zur Besatzung des Seglers gehört. Der gute Mann ist Baumspezialist, ich erzähle von meinen Versuchen mit Laubbäumen im Altiplano und er macht mir viel Mut. 

Und dann verlaufe ich mich auch noch im riesigen Areal der Uni. Weiter vorne sehe ich Jugendliche, die irgendwie „offizielle“ T-Shirts tragen und frage nach dem Weg. Sehr liebenswürdig bekomme ich Auskunft und will schon weitergehen, als sie mich rufen und fragen, ob sie mich begleiten können. Na klar. Jetzt merke ich auch, um wen es sich bei den Jugendlichen handelt: sie sind Vertreter des „Gipfels der Jugend“. Ob ich sie nicht zu ihrem Camp begleiten möchte? Aber mit dem größten Vergnügen! Im Camp werde ich dann von der ganzen Schar herzlich begrüßt; die erwachsenen Begleiter – zwei Frauen, ein Mann – erklären mir, dass die Initiative der jungen Menschen auf einen italienischen Priester zurückgeht, der mit Straßenkindern in Belém arbeitet. Die Mädchen und Jungen, die heute im Camp sind, kommen aus den Vierteln am Stadtrand von Belém. Ich werde aufgefordert, mich zu ihnen in den Kreis zu setzen und über unsere Erfahrungen zu Klimaveränderung, Kinderrechten und Rassismus zu sprechen. Ein Beitrag eines der Mädchen: „In den Schulen im Zentrum der Stadt gibt es eine Klimaanlage, darum ist dort immer Unterricht. In meiner Schule gibt es das nicht; wenn es wirklich heiß ist, fällt der Unterricht aus. Das finde ich schade und ungerecht, denn ich gehe sehr gerne in die Schule! Darum müssen alle gemeinsam kämpfen gegen Rassismus und gegen Klimawandel!" Da hat die Kleine wirklich Recht! Bei einem anderen ihrer Sätze musste ich dann aber doch schlucken: „Vicente, weil du schon alt bist, muss dich der Klimawandel nicht sorgen, aber wir jungen Leute werden kämpfen müssen!“ Naja, wahrscheinlich hatte sie damit genauso Recht ...

Dann kam am Nachmittag ein weiteres „Highlight“ der Zeit in Belém: die Begegnung der „Kirchenleute“ im Sitz der brasilianischen Bischofskonferenz. Eingeladen hatte „Um grito pela vida“, also der brasilianische Zweig von „Talitha Kum“, des Netzwerks der Ordensleute gegen Menschenhandel, wir von der „Familia Franciscana“ und das Netzwerk „Vivat“. Der Saal in der Bischofskonferenz war definitiv zu klein für den Andrang (und die Ventilatoren zu schwach ...).

Oh ja: nach den Gesängen am Anfang folgt die feierliche Verlesung der Namen der Märtyrer, die in der Verteidigung Amazoniens ihr Leben gegeben haben. Da sind wir Lateinamerikaner unerreicht: nach jedem Namen folgt von allen der mächtige Ruf „Presente, er/sie ist unter uns!“ Und die Liste wird lang (und viele Tränen fließen, stolze Tränen!). Die Beiträge der Verantwortlichen dann auch sehr bewegend. Weil ich in Perú zur „Red Kawsay – peruanische Ordensleute für eine Gesellschaft ohne Menschenhandel“ gehöre, also die Mission von „Um grito pela vida“ in Brasil teile, muss ich viele, viele Grüße an die Schwestern und Brüder von Brasilien nach Perú mitnehmen. Dann gibt Mike Perry OFM, Präsident von Franciscans International (FI), seitens der „Familia Franciscana“, einen schönen Vortrag zu „800 Jahre Sonnengesang“, der wegen des schlechten Mikros und des überfüllten Saals leider nicht von allen gut gehört werden kann. So will ich mich dann auch der Kritik vieler Teilnehmer und Teilnehmerinnen anschließen: wenn man wusste, dass bei der COP 30 mit einer massiven Beteiligung der katholischen Kirche zu rechnen war, dann hätte man für diese Veranstaltung einen deutlich größeren Raum sicherstellen müssen. Oder hat uns da wieder der Exzess an Demut einen Streich gespielt?


Mittwoch, 12. November

Schiffsprozession, Gipfel der Völker und Selfies

Schon früh am Morgen macht sich ein Teil der franziskanischen Delegation in Richtung „Universidade do Pará“, um bei der „Schiffsprozession“ auf dem Fluss teilzunehmen. Wie wir später hörten, war der Andrang immens, und es waren schließlich auch nicht „nur“ 200 Schifffe, wie ursprünglich angekündigt, sondern nicht weniger als 300. Wir anderen kamen nach dem Frühstück zur Uni, sahen uns bei den nicht enden wollenden Zelten und Verkaufsständen des „Peopl‘s Summit – Gipfel der Völker“ um, und kamen gerade noch rechtzeitig, als unsere Leute glücklich, aber verschwitzt auf einem mittelgroßen Boot wieder am Steg der Universität ankamen. Aus peruanischer Perspektive – und auch mexikanischer Sicht, wie mir die Verantwortliche des „Fanciscan Network for Migrants“ sofort bestätigte – war beim Thema „Verkaufsstände“ sehr merkwürdig, dass zwar alles Mögliche angeboten war, also vom thematischen T-Shirt über Kunsthandwerk und marxistische Literatur bis zu wundertätigen Massageölen, aber eben kein Stand mit Essbarem. Auch meine Schwestern und Brüder aus dem afrikanischen Kontinent konnten sich darauf keinen Reim machen. Die Meinung war über Meere und Kontinente eine einzige: „So etwas könnte bei uns nicht passieren!“

Ja, und es gab viele, viele interessante Menschen zu begrüßen. Ein weiteres tat mein Habit: ich wurde von gefühlt 70 bis 80 Menschen fotografiert, mal alleine oder per Selfie mit der jeweiligen Person oder zusammen mit Schwester Charity aus Zambia, meine Kollegin von Franciscans International (FI). Und natürlich hatte Charity nicht ganz Unrecht, als sie meinte, dass, falls wir für jedes Foto so 10 Euro bekämen, bei FI die Geldsorgen Geschichte wären (sie hat da allerdings ein bisschen übertrieben).

Der Nachmittag war dann ruhiger. Mehrere von uns machten uns auf den Heimweg in den Konvent der Kapuziner, ich selber kaufte mir einen Regenschirm und konnte ihn auf dem Rückweg vom Markt auch gleich einweihen. Der Regen kühlte Belém allerdings nicht ab, sondern erhöhte nur noch die Luftfeuchtigkeit (ehrlich: das hätte ich gar nicht mehr für möglich gehalten).

Am Abend – wir waren am Ende eines langen Tages eigentlich nicht wirklich motiviert, auch Franziskaner haben Grenzen – folgte dann die zweite Arbeitseinheit zum Thema „Wo wollen wir hin?“

Und uns gegenseitig zuzuhören, die Träume und Visionen auszutauschen – oh Wunder! – gab uns dann doch wieder neue Energien!


Dienstag, 11. November

Zum "Taipiri: Internationale Kooperation" bei den Anglikanern

Die Arbeitssitzung der franziskanischen Delegation am gestrigen Abend geht mir in der Nacht noch ziemlich nach: auch für uns wählten die Facilitadoren den bekannten Dreischritt aus „Wo stehen wir, wo wollen wir hin, wie ist das zu schaffen?“, um am Ende der gemeinsamen Zeit eine Aufgabenliste für das kommende Jahr zu erstellen. Gestern Abend also, bei der Runde zur ersten Frage, waren die Antworten in den sechs Gruppen – drei in Englisch, zwei in Portugiesisch, eine in Spanisch – auffallend weit gestreut. Wir erfahren als franziskanische Menschen sicher von allen Seiten großes Grundvertrauen: hier bei der COP30 wollen sowohl die Vertreter der Indigenen beim „Gipfel der Völker“ ein Selfie mit uns machen, wie auch die „wichtigen“ Offiziellen in der „blauen Zone“ mit schicken Krawatten dank Klimaanlage. Und ja, man hört die Stimme der Franciscans International (FI) bei den Versammlungen in Genf und New York, weil man unseren direkten Kontakt zu glaubwürdigen Zeugen an den komplizierten Orten der Welt kennt und schätzt. Aber andererseits stellen wir auch fest, dass in nicht wenigen Provinzen und Konventen unserer Familien die Themen von Gerechtigkeit, Frieden und Integrität der Schöpfung die Kompetenz von „Spezialisten“ bleibt; und wenn wir erst von „Klimagerechtigkeit“ oder „gerechter Transition“ reden – dem Schwerpunktthema der FI im kommenden Jahre –, schauen wir doch mitunter in fragende Gesichter bei unseren Schwestern und Brüdern. Dann eben ist die Versuchung groß, „unser Ding“ lieber mit Ordensleuten aus anderen Kongregationen auf den Weg zu bringen, oder – noch einfacher – doch gleich mit Freundinnen und Freunden aus der Zivilgesellschaft...

Genug davon, denn nach dem kurzen Koordinierungstreffen nach dem Frühstück verteilt sich die Gruppe zu neuen Aktionen. Ich selber gehe zum Taipiri bei den Anglikanern. Es geht um internationale Kooperation – also auch um „Geldquellen“ und ihre jeweiligen politischen Fokuspunkte. Nach einer tollen künstlerischen Animation mit Musik und Tanz treten vier Experten auf: zur allgemeinen Lage der internationalen Kooperation und den USA; dann zu Europa mit Schwerpunkt Deutschland; China und die entsprechenden Komplikationen zum Streit um die Hegemonie in der Welt; schließlich ein junger Aktivist, der die Perspektive „von unten“ einbringt ... und zwar mit einer Perspektive der Hoffnung! Das Programm verspricht viel, der offene Raum hinter der Kirche ist überfüllt und die Übersetzungsmaschine funktioniert nicht! Das ist ärgerlich für einen guten Teil des Publikums, das kein Portugiesisch versteht oder wie in meinen Fall, als Spanischsprechender, nur gut die Hälfte mitbekommt ... auf der Höhe der zweiten Intervention – der Professorin einer Universität aus Rio, die zu Deutschland Interessantes zu sagen hat – springt die Übersetzung an. Die Redner sind aber so laut bzw. die Kopfhörer so schwach, dass ein Sprachgemisch entsteht, das einen Teil der Zuhörer das Weite suchen lässt ... ich selber bleibe, aber da zwischen den Interventionen keine Pause eingelegt wird, die Sonne über dem Amazonas unerbittlich brennt, die Unruhe zunimmt, wird meine Geduld doch auf die Probe gestellt ...

Am Nachmittag gibt es für die franziskanische Delegation eine Tour durch die Altstadt von Belém: spannend! Und tatsächlich: die Spuren der franziskanischen Ursprungsgeschichte der Stadt sind überall zu sehen.

Am Abend sind wir alle glücklich über die Klimaanlage in den Zimmern: die sind nicht gerade umweltfreundlich, aber unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte definitiv gerechtfertigt!


Montag, 10. November

„Interfaith Talanoa Dialogue“ in der lutheranischen Kirche

Die Stadt erwacht mit strahlendem Sonnenschein... Das ist hier am Amazonas eigentlich keine Einladung, sich mit voller Kraft in verschiedenste Aktivitäten zu stürzen. Wir, die franziskanische Delegation, tun es aber trotzdem! Wie auch in den kommenden Tagen wird es zwei Gruppen geben: Da sind einmal die Schwestern und Brüder, die am jeweiligen Tag einen Pass für die „blaue Zone“ haben, und dann alle anderen, die auswählen können zwischen der „grünen Zone“, wo es keine Einlassbeschränkungen gibt, den Veranstaltungen des „Gipfels der Völker“ oder einem der anderen – fast unüberschaubaren – Angebote in der Stadt.

Ich selber werde erst am Freitag und Samstag in die „blaue Zone“ können, darum mache ich mich zusammen mit einer mittelgroßen Truppe in Richtung der Kirche der Lutheraner auf, wo am Vormittag der „Interfaith Talanoa Dialogue“ stattfindet. Die Kirche der Lutheraner ist ein mittelgroßer Rundbau, also an die Architektur der lokalen Originalbevölkerung angelehnt, und füllt sich schnell mit einer enthusiastischen fröhlich-frommen Gemeinde. Die Lutheraner in Brasilien kommen ursprünglich aus dem Süden des Landes und haben größtenteils deutsche Nachnamen... darum ist der Kontrast zwischen der überwiegenden Zahl an „Bleichgesichtern“ und der „indigenen“ Rundform der Lutherkirche auch Motiv feinen-respektvoll-franziskanischen Spotts eines Mitbruders aus Kenia. Ich konzentriere mich dagegen auf ein anderes Detail: unter den „Offiziellen“, die unten etwas unbeholfen versuchen, Platz zu nehmen, entdecke ich ein Gesicht, das ich irgendwo mal im Fernsehen gesehen haben. Es ist tatsächlich kein anderer als Dr. Heinrich Bedford-Strohm, seines Zeichens Moderator des „World Council of Churches“. Nach einer sehr schönen Gebetseinheit, die von einer evangelischen Christin und einer gefühlsmäßig eher buddhistisch anmutenden Dame aus Perú geleitet wurde, ging es dann in Sprachgruppen schnell an die Arbeit. Die Aufgabenstellung war einleuchtend um drei Fragen artikuliert: „Wo stehen wir heute im interreligiösen Engagement im Themenfeld Umwelt, Klima, Menschenrechte? Wo wollen wir hin? Wie können wir das bewerkstelligen?“ Ich war in der spanischen Sprachgruppe, natürlich war die Zeit zu kurz - ob der Unterschied zwischen deutschem und lateinamerikanischen Zeitmanagement den Lutheranern wohl genügend klar war...? -, der Austausch aber lebhaft und für alle sehr bereichernd. Und die Aufgabenliste entsprechend lang! Beim anschließenden Mittagessen – die Lutheraner wissen aufzutischen, da haben sie sich vom Mann aus Wittenberg wirklich etwas abgeschaut!!! – kommt Dr. Bedford-Stohm auf mich zu: „Du bist doch der Franziskaner aus Deutschland? Dein Nachname kommt mir bekannt vor.“ Aber Nein: es handelt sich um einen anderen Imhof; egal, jetzt habe ich seine Karte, vielleicht bleiben wir in Kontakt.

Für den Nachmittag dann das zweite Event für mehrere von uns: wir machen uns auf den Weg in die Schule „Santo Antonio“, wo das Team des Themenforums zu Bergbau des „World Social Forum“ aktiv ist. Es geht um Fragen der sozioökologischen Gerechtigkeit. Persönlich bin ich natürlich interessiert, denn ich lebe in der Bergbauregion Puno, und der Dokumentarfilm „Oro y Sangre – Gold und Blut“ von Paula Jesús Brignardello - übrigens gefördert über die Kleinprojekte der DOK -, an dem ich als Teil des Netzwerkes „Red Kawsay“ teilnehme, beleuchtet ja die Verbindung von illegalem Bergbau, Umweltzerstörung und Menschenhandel. Wir von der franziskanischen Delegation kamen etwas zu spät, der Austausch in den Kleingruppen war bereits in vollem Gang. Nach der Vorstellung der Ergebnisse nach Großregionen – Asien, Afrika, Lateinamerika – machen wir uns wieder auf den Heimweg. Ich selber kann dem Koordinator, einem freundlichem Säkularfranziskaner von den Philippinen, noch kurz von Paulas Filmprojekt erzählen. Er bittet mich sehr dringend, ihm doch den Trailer für die gesamte Gruppe zu schicken.

Am Abend kommen wir alle bei den Kapuzinern noch zum Austausch über die Erfahrungen des Tages zusammen und fallen danach müde ins Bett: Der Tag war intensiv und die Hitze hatte ein Weiteres getan!


Sonntag, 9. November

Ungeplante Belém Rundreise

Am Morgen nach der frühen Messe in Portugiesisch – was für eine wunderbare, fröhliche, festliche Liturgie bei den Kapuzinern in Belém! – und dem ausgiebigen Frühstück geht das Direktorium der Franciscans International (FI) gleich wieder an die Arbeit: wir müssen den Finanzplan für 2026 anschauen, eventuell korrigieren, und endlich verabschieden. Kein Thema, das Begeisterungsstürme auslösen könnte, denn die Lage ist wegen der knappen Kassen ernst. Dann aber hilft das Mittagessen – wieder sehr lecker, vielleicht auch dank des Geburtstages einer der Mitbrüder – über jede Verstimmung weg. Für den Nachmittag ist dann für Erick und mich der erste Besuch in der „blauen Zone“ angesagt: wir müssen unsere „Akkreditierungen“ abholen, die uns für bestimmte Tage den Zugang zu den reservierten Veranstaltungen dieser Zone erlauben... und eben auch die kostenlose Benutzung der „COP-Busse“, die in zwölf verschiedenen Linien die gut 50.000 Besucher des Großereignisses von überall her nach überall hin transportieren. Vor dem gigantischen COP30-Gebäude bekomme ich den ersten Eindruck von dem, was uns hier erwartet. Vielleicht lässt sich die COP in Brasilien mit einer Art Megaversion eines Katholikentages vergleichen: man spürt eine fröhlich-aktivistisch-fromme Atmosphäre, aber eben in brasilianischen Dimensionen... Die Geschichte mit den Bussen war dann allerdings nicht so toll, denn die netten jungen Damen, die uns am Ausgang des Hauptgebäudes an die Linie 8 verwiesen, hatten die falsche Information: als Erick und ich bemerkten, dass wir in einem ganz anderen Teil der Stadt landeten, mussten wir doch mit Hilfe von „Señor UBER“ den Weg zurück zu den Kapuzinern nehmen.

Am Abend schießlich die „Generalversammlung“ der gesamten franziskanischen Vertretung: Bruder Mike OFM und Budi machen uns mit dem Programm der nächsten zwei Tage bekannt; Joe Rozinski OFM stellt uns die konkreten Aufgaben vor. In Sprachgruppen – English, Portugiesisch, Spanisch – werden wir uns jeden Abend über die wichtigsten Entdeckungen und unser Nachdenken austauschen, am Ende der gemeinsamen Zeit soll daraus ein Dokument der „franziskanischen Stimme in der COP30“ entstehen. Na dann mal los!


Samstag, 8. November

Erste Sitzung des Direktoriums von Franciscans International

Nach einer guten Nachtruhe und einem ausgiebigen Frühstück will ich an den Laptop gehen und ein paar Zeilen schreiben.... nix war´s, Schuld hat entweder die Hitze oder die Feuchtigkeit - oder die Kombination aus beidem: mein Laptop reagiert nicht mehr, selbst die Klimaanlage im Zimmer kann die Tastatur nicht umstimmen; ich werde nach einer Alternative Ausschau halten. Ein lieber Kapuziner-Mitbruder, ein junger Kubaner, der kurz vor der Diakonweihe steht, kann aushelfen mit einer externen Tastatur. Vor allem aber können wir uns in Spanisch austauschen über Kuba, wo ja auch zwei meiner peruanischen Brüder als Missionare arbeiten. Eigentlich war ja schon für gestern, Freitag, die erste Sitzung des Direktoriums der Franciscans International (FI) geplant gewesen. Wegen der verspäteten Ankunft der Hälfte der Mitglieder müssen wir es auf heute Vormittag verlegen, es gilt unsere „Human Resources Strategies“ zu revidieren, es gibt viele Vorschläge zu Veränderungen

Schließlich kommen nach und nach weitere Mitglieder der franziskanischen Familie im Konvent an, Ordensleute und Laien von ziemlich überall: vielleicht ist Robson Hevelao aus den Solomon Inseln einer, der am weitesten gereist ist, aber da ist auch ein junger Buddhist aus Korea, der dort mit den Franziskanern zusammenarbeitet. Es lebe der franziskanische Ökumenismus! Ganz persönlich ist für mich Bruder Erick, ein junger Minorit aus Costa Rica, das „Geschenk des Tages“: Erick gehört zur franziskanischen Kommission für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in Mittelamerika; wie ich selber arbeitet er mit Migranten und Flüchtlingen, er hatte sogar einmal wochenlang eine Gruppe mittelamerikanischer Flüchtlinge von El Salvador bis zur mexikanischen Grenze begeleitet... weil Erick aber auch Teil der „Misión Itinerante Pan-Amazónica“ gewesen war, die Missionare in acht Ländern Amazoniens aussendet, spricht er perfekt Portugiesisch. Und er hatte tatsächlich auch in Inampari, Madre de Dios, Perú, missionarische Erfahrungen gesammelt: wir haben gemeinsame Bekannte in der Region, und ich bin einmal mehr sehr stolz auf „mein“ Perú und die vielen wertvollen Initiativen der Ordensleute bei uns!


Freitag, 7. November

Anreise

Es begann kurz nach Mitternacht zwischen Donnerstag und Freitag. Die Reiseroute von Lima nach Belém macht „klimatechnisch“ eigentlich nicht viel Sinn: es geht erstmal weit Richtung Süden nach Sao Paulo, und von dort wieder tüchtig nach Norden an die Mündung des Amazonas mach Belém, der Hauptstadt von Pará. 

Ich bin als Vertreter der Franziskaner-Minoriten im Auftrag von „Franciscans International - FI“, der „Stimme der franziskanischen Familie bei den Vereinten Nationen“, unterwegs zur COP30. Wir sind insgesamt sechs Mitglieder im „Board of Directors“ der FI, aber nicht alle können zur diesjährigen Herbstversammlung kommen: Carolyn, die den säkularen Zweig der Familie vertritt, hat – durchaus gerechtfertigt – Sorgen wegen des Klimas am Unterlauf des Amazonas; Lucio, ein TOR-Mitbruder, ist neu im Team und hat bereits feste Dienste in New York. Und ja: ich selber hatte auch eher Bedenken bei dem Gedanken, unser Treffen vom herbstlichen New York in die Hitze des frühsommerlichen Amazoniens zu verlegen. Ich lebe in der Region Puno, am großen Titicaca, auf knapp 4000 Meter über dem Meeresspiegel. Schon die alten Inka hatten uns andinen Menschen schwer abgeraten, den Fuß ins Tiefland zu setzen, denn dort, also östlich vom Urubamba, sei uns die Luft nicht zuträglich... In Sao Paulo erwarten uns dann am Morgen überraschenderweise angenehme 16 Grad Celsius...allerdings aber auch das absolute Chaos am Flughafen! Fliegt eigentlich die halbe Welt nach Belém? Und dann auch noch der „shutdown“ in den USA! Die Franciscan International-Mitstreiter, die aus New York anreisten, verpassten Anschlussflüge und müssen sehen, wie sie aus Sao Paulo weiterkommen... Kein Scherz: im Flieger der LATAM nach Belém werden wir dann tatsächlich als „Vertreter der Delegationen der COP30“ besonders begrüßt... in der Sitzreihe, in der ich mich wiederfinde, fliegen tatsächlich alle zur COP... in Belém ist es dann wirklich SEHR warm: satte 34 Grad, aber eben gepaart mit einer extremen Luftfeuchte: willkommen in Amazonien!

Die „menschliche Wärme“ – „el calor humano“ – bei den Kapuzinern in Belém wiegt dann allerdings alle Härten auf (die Klimaanlage in den Zimmern tut ein weiteres...): wir werden verwöhnt und fühlen uns wirklich zuhause!