02.10.2015

Jeder von uns repräsentiert eine weltweite Gemeinschaft!

Abtpräses Jeremias Schröder OSB zum Beitrag der Orden bei der Familiensynode im Vatikan

  • Abtpräses Jeremias Schröder OSB

    Bild: Erzabtei St. Ottilien

Als gewählter Vertreter der Ordensoberen werden Sie im Oktober bei der Familiensynode dabei sein. Wie wollen Sie sich bei den anstehenden Diskussionen zum Thema Familie einbringen und mit welchen Erwartungen fahren Sie nach Rom?

Als ich kürzlich einem Mitbruder in Rom erzählte, dass ich einer der zehn Ordensoberen bin, die an der kommenden Familiensynode in Rom teilnehmen sollen, lachte er und sagte: „Was kannst Du denn da beitragen?“ Er wusste, und ich weiß es auch, dass ich nicht gerade ein Fachmann für dieses Thema bin. Ich habe mir in den letzten Monaten natürlich Gedanken darüber gemacht. Ordensleute können da vielleicht etwas beitragen, sie haben jedenfalls viel Erfahrung mit solcher Arbeit. Die Räte und Kapitel, durch die sich das Leben der Ordensgemeinschaften weiterentwickelt, haben eine ältere und bessere Tradition als die meisten anderen vergleichbaren kirchlichen Gremien. In unserer Tradition ist es nicht möglich, an einer Abstimmung nur per Brief teilzunehmen. Das Kapitel der Brüder entscheidet gemeinsam, nachdem man Argumente ausgetauscht hat, aufeinander hört und, wenn möglich, den Konsens sucht. Das heißt, dass das Wesentliche bei der Versammlung selbst geschieht, nicht im Vorfeld. Deshalb finde ich es auch schwierig, wenn jetzt hie und da schon Positionen wie Betonpflöcke in den Boden gerammt werden. Wenn wir daran glauben, dass bei so einer Synode der Geist Gottes anwesend ist, dann müssen wir auch etwas Zutrauen darauf haben, dass wir dort, im gemeinsamen Hören aufeinander und auf den Geist, Gottes Willen erkennen können. Diese Offenheit für das Unerwartete meint der heilige Benedikt, unser Ordensgründer, mit folgendem Satz im dritten Kapitel der Regel: „Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist.“

Viele deutsche Katholiken erwarten vor allem eines von ihrer Kirche: Veränderung. Können Sie diesen Menschen Hoffnung machen?

Papst Franziskus hat zu Anfang seiner Amtszeit deutlich gemacht, dass er es als Teil seines Auftrags ansieht, die Leitung der katholischen Kirche zu reformieren. Er hat bereits den verkrusteten päpstlich-höfischen Stil aufgebrochen und das Finanzwesen des Vatikans neugeordnet. Als nächstes stand die ganze Medienarbeit des Heiligen Stuhles auf dem Prüfstand mit dem Ergebnis, dass die gesamte Medienarbeit des Vatikans künftig von einen Mediensekretariat koordiniert wird. Gespannt sind viele, ob sich die Arbeitsweise der sonstigen Kurie ebenfalls ändern wird: Bedarf gäbe es da durchaus, vor allem bei der Koordination. Der Papst will auch die Weltkirche stärker in die Leitung einbinden, unter anderem durch eine Aufwertung der Bischofssynoden, die bereits deutlich lebendiger und freier geworden sind. In diesem Oktober wird sich zeigen, ob diese Synoden tatsächlich in der Lage sind, Perspektiven zu entwickeln, die nicht nur längst Bekanntes wiederholen, sondern auch theologische Grundlagen und Handlungsanweisungen zu erarbeiten, die für die Zukunft taugen. Nach dem großen Streit bei der Synode 2014, der ja durchaus interessant war, kommt es jetzt darauf an, ob es neben hitzigen Debatten auch eine fruchtbare Synodenarbeit mit echten Ergebnissen geben kann.

Sehen Sie im Vorfeld Unterschiede zur letzten Synode?

Beachtlich ist, dass diesmal gleich zehn Ordensobere teilnehmen sollen. Als wir erfuhren, dass nur Ordensmänner gefragt sind, gab es sogleich die Bereitschaft, einige Plätze an Ordensfrauen abzutreten. Das sei aber nicht sinnvoll, hieß es damals: die Frauen wollen ja ihre Plätze, nicht unsere. Inzwischen, so ist zu hören, gibt es auch einige Plätze für die Oberinnen von Frauengemeinschaften, die ja häufig sehr unmittelbar an der Familienrealität dran sind.

Wie erleben Sie als Missionsbenediktiner die weltweit so unterschiedlichen Sorgen und Nöte der Familien?

Wenn ich nicht gerade in einem unserer 55 Klöster unterwegs bin, dann lebe ich hier im oberbayerischen Sankt Ottilien und bekomme mit, was die Katholiken in Deutschland bewegt. Die Position der deutschen Bischöfe bei der Synode ist reformorientiert, und sie wird von einem großen Teil der deutschen Katholiken unterstützt. Ich verstehe das, und ich halte das auch nicht für falsch. Mir graut aber davor, dass die großen theologischen und seelsorglichen Fragen einfach nur nach der nationalen Herkunft der Synodenteilnehmer abgehandelt werden könnten. Viele Kommentare gehen in diese Richtung. Da wird dann vereinfacht: glaubenstreues Afrika gegen den dekadenten Westen, usw.

Ich komme nicht als Abgesandter der deutschen Kirche zur Synode nach Rom. Ich komme als Oberer einer weltweit tätigen Missionskongregation. Das ist es, was wir zehn Ordens-Teilnehmer gemeinsam haben, und was uns zugleich von den Bischöfen unterscheidet: jeder von uns repräsentiert eine weltweite Gemeinschaft. Ich selber pflege Kontakte in 20 Ländern, die Generaloberen der Jesuiten und der Dominikaner, die auch dabei sein werden, ein Vielfaches davon. Und seit ich weiß, dass ich bei der Synode dabei sein werde, bereite ich mich vor. Ich habe an vielen Orten, zwischen Kuba und Korea, Eindrücke gesammelt, wie es den katholischen Familien geht. Der Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen ist hierzulande oft ein Thema. Die Mitbrüder in Südkorea erzählen mir von der Vereinzelung, unter der dort viele Menschen leiden. die Lebensstrukturen sind zu anonym geworden, und deshalb gibt es eine sehr hohe Selbstmordrate. Mitbrüder aus Mozambique haben mir kürzlich berichtet, dass dort Kinder nicht getauft werden, wenn die Eltern nicht verheiratet sind. Da wird aus dem Sakrament ein Prügel gemacht, mit dem man Disziplin einfordern will. Das ist aber nicht der Sinn der Taufe, so wie ich sie verstehe. In Kuba kenne ich nur wenige intakte Familien. Viele Kinder und Jugendlichen haben als Bezugsperson eine Mutter, viele Halbgeschwister und einen abwesenden Vater, der sich gelegentlich zeigt. Die Aufgabe der Kirche ist es da, Bindungen zu stärken und den Wert der Treue zu vermitteln. Das Bild, das ich bekommen habe, ist sehr unterschiedlich. Einige dieser Erfahrungen kann ich vielleicht in Rom einbringen. Und dann denke ich darüber nach, was diese Verschiedenheit bedeutet: es ist vielleicht doch sehr unwahrscheinlich, dass eine ganz einfache und einheitliche Antwort allen diesen Situationen gerecht werden kann.

„Berufung und Sendung der Familie“ heißt das Arbeitsthema der Synode –das klingt auch nach Aufgaben und Forderungen der Kirche an die Familien. Was dürfen die Familien ihrerseits von der Synode erwarten?

Im Vorfeld dieser Synode wird vielerorts diskutiert, und ziemlich oft scheint es darum zu gehen, wer oder was wirklich Familie ist, und was darf oder nicht darf. Aber mir scheint eigentlich wichtiger, dass in jede Familiensituation hinein das Evangelium verkündet wird. Dafür Wege, Worte und Gesten zu finden ist eine Aufgabe, an der ich gerne mitwirke. Und wenn das auch nur im Ansatz möglich ist, lohnen sich die drei Sitzungswochen in Rom!

Das Interview führte Stefanie Merlin

Weitere Informationen: www.ottilien.org

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.