09.10.2015

Zwei Tage im Blindflug

Abt Jeremias Schröder OSB bloggt aus dem Vatikan

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.

Freitag, 9. Oktober

Zwei Tage im Blindflug

Mittwoch und Donnerstag gab es keine Versammlung im Plenum. Die Arbeit lief in den verschiedenen Kleingruppen. Die deutschsprachige Gruppe ist aus der zugewiesenen Aula mit dem schönen Namen "Fungo" (Pilz) ausgezogen und hat sich ein Quartier in der benachbarten Glaubenskongregation gesucht. Die anderen quetschen sich in Räume hinein, die gerade noch groß genug sind - zum Glück mit ordentlicher Lüftung.

In meiner englischen Sprachgruppe hatten wir uns schnell darauf verständigt, dass wir den Text der wortreichen Vorlage, des Instrumentum Laboris, drastisch kürzen wollen: es fällt uns nicht schwer, Passagen und manchmal ganze Abschnitte zu entdecken, deren Inhalt anderswo im Dokument noch einmal aufscheint, oder in denen nichts Wesentliches zum Thema beigetragen wird. Dabei sind wir aber etwas im Blindflug, denn niemand weiß, was gleichzeitig in den anderen Sprachgruppen passiert. Einer, der im Auftrag des Presseamtes mehrere Kleingruppen besucht hat, sagt mir bei der Kaffeepause lachend, die Englischsprachigen würden überall streichen, während die italienischen und spanischen Gruppen der Text immer noch erweitern wollen um Dinge, die auch noch unbedingt gesagt werden müssen.
Aber auch wir in "Englisch C" kürzen nicht nur. So wird eine schlampige Passage zur Bioethik überarbeitet - "das war der Stand von 1987", sagt eine Teilnehmerin. Anderswo ergänzen wir, dass die Synode eine vertiefte Behandlung in den Regionen und Kontinenten empfehlen soll. Und so fort.

Jede einzelne Veränderung muss in der Gruppe abgestimmt und mit Mehrheit angenommen werden. Dabei ist ein Mitarbeiter des Sekretariates anwesend und notiert, wie viele Jastimmen, Neinstimmen und Enthaltungen es gegeben hat. In unserer Gruppe waren die ersten zehn Abstimmungen alle einstimmig, so dass es fast Erleichterung gab, als endlich einmal zwei Stimmen gegen eine Veränderung aufzeigten. "Das ist gut für die Demokratie", war der fröhliche Kommentar. Die Anwesenheit wird penibel festgehalten, in der Gruppe und auch in der Aula. Vielleicht soll sich später keiner herausreden können, er sei gerade nicht dagewesen, als Wichtiges entschieden wurde.
Vom Wichtigen sind wir allerdings noch weit entfernt. In diesen Tagen geht es um den ersten Teil des Instrumentum Laboris, eine Analyse der weltweiten Situation. Erst im dritten Teil, der für übernächste Woche vorgesehen ist, kommen die Themen zur Sprache, die vielleicht kontrovers diskutiert werden. Das ist eigentlich zu spät, und die Gruppen versuchen schon, etwas schneller voranzukommen. Andererseits fiel die Arbeit in den Kleingruppen anfangs gar nicht so leicht. Wir haben wenigstens einen Tag gebraucht, um einen guten Arbeitsmodus zu finden, der einerseits alle zu Wort kommen lässt, andererseits aber auch Ergebnisse bringt und uns vorankommen lässt. In der dritten Woche dürfte das noch besser laufen - kein Schaden im Blick auf das, was dann auch an inhaltlicher Arbeit von uns gefordert wird.

Arbeit ist ein wichtiges Stichwort. Die Kärrner dieser Synodenphase sind die Relatores, die Berichterstatter aus den Kleingruppen. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Ergebnisse der Gruppenarbeit in ein präsentables Format kommen, dass jede einzelne Veränderung schriftlich festgehalten und zur Abstimmung gebracht wird, und dass außerdem jede Woche ein Bericht aus der Arbeitsgruppe ans Plenum geliefert wird. Diese schwierige Aufgabe hat jede Sprachgruppe einem der Synodalen per Wahl übertragen - noch bevor man sich wirklich kennenlernen konnte. Und wer von weit her kommt - unser Relator ist ein Erzbischof aus Australien -, hat natürlich kein funktionierendes Büro dabei, so dass mit Notebooks, USB-Sticks und ein paar Computern im Atrium der Synodenaula gearbeitet werden muß. Mittagspausen und ruhige Abende rücken da in weite Ferne.

Am Freitag endet der Blindflug für erste. Wir werden die Berichte aus den anderen Sprachgruppen hören und vielleicht schon erkennen können, ob die Synode in alle Richtungen ausgeschwärmt ist, oder ob sich ein gemeinsames Ziel abzeichnet.

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Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.