12.10.2015

In der Aula und draußen

Sonntag ist heilig. Dieses Thema wurde in der Synode schon einige Male vorgetragen, vor allem im Blick darauf, dass die zunehmende Sonntagsarbeit den Sonntag als Familientag unterminiert. Auch die Synode selbst hat am Sonntag kein Programm – eine Verschnaufpause, für die nach einer anstrengenden 6-Tage-Woche alle dankbar sind.

Am Sonntagabend lädt Kardinal Marx in die Casa Patrona Bavaria ein, das Gästehaus des Erzbistums München-Freising hinter dem Vatikan, dessen Erwerb vor einigen Jahren einen kleinen Mediensturm ausgelöst hatte. „Hinter dem Vatikan“ ist vielleicht etwas übertrieben; das Haus liegt im Westen des Monte Mario, nicht mehr weit vom Stadtrand. Es ist schön und ordentlich hergerichtet. Sizilianische Schwestern pflegen Gastfreundschaft mit südlichem Charme. Geladen ist eine bunt-gemischte Gruppe; die deutschen Teilnehmer der Synode mit dem kleinen Mitarbeiterstab des Gastgebers, ein paar Kuriale, darunter Kardinal Müller, und etliche Synodalen aus der weiten Welt: Polen, Lettland, Tonga, Indien, Italien, Vietnam und den USA, um nur diejenigen zu nennen, mit denen ich mich an diesem Abend etwas unterhalten kann.

Die Gäste decken die ganze Bandbreite ab, also alles andere als ein konspiratives Geheimtreffen Gleichgesinnter. Die Küche ist resolut alpenländisch, unter anderem mit Augustiner-Bier und einer eleganten Variation zum bayerischen Reste-Klassiker „Saure Knödel“. Eine kleine Blasmusik aus dem Chiemgau spielt auf, und in den Musikpausen gibt es an den Tischen lebhafte Gespräche. Ein italienischer Kurienerzbischof nutzt die Gelegenheit, um ein Papier mit seinem Lösungsvorschlag für die Synode zu verteilen. Die uralte Verbindung Bayerns mit Rom ist in dieser Casa wieder neu verkörpert, mit einer Weitung ins Globale hinein.

Ich kann das alles in diesem Blog so ausführlich schildern, weil sich über die Arbeitsphase in den Kleingruppen, die am Montag wieder begann, eher wenig berichten lässt. Angesichts der erheblichen Aufgabe, die noch vor uns liegt, ist die innere Haltung inzwischen vielleicht eher Zähigkeit als Enthusiasmus, aber mit Zähigkeit kommt man ja auch weiter. Wir schließen an diesem Tag die Überarbeitung des 2. Teils ab, und hören, dass auch die anderen Gruppen ihr Plansoll eher übererfüllt haben. Eine lange Diskussion gibt es bei uns über die Formulierung von der „beständigen Lehre der Kirche“.

Nachdem es zum Wochenende hin in der Aula mehrere Hinweise auf das mangelnde Verständnis von Geschichte im Dokument gegeben hat, empfiehlt unsere Gruppe schließlich, von einer „jahrhundertelangen Entwicklung der Lehre über Ehe und Familie auf der festen Grundlage der Worte Jesu“ zu sprechen. Es wird moniert, dass damit ja angedeutet wird, dass es auch noch eine zukünftige Entwicklung geben könnte. In der Tat. Lebhaft wird es auch, als wir auf den „Love-Jihad“ zu sprechen kommen. In Indien, Tanzania und Nigeria, so hören wir, gibt es eine bewusste Strategie, christliche Mädchen mit muslimischen Männern zu verheiraten, um so die Islamisierung voranzutreiben. Eine Familiensynode muss sich auch damit beschäftigen.

Die Ordensvertreter bei der Synode von 2014 hatten damals berichtet, es habe eigentlich zwei Synoden gegeben, die in der Aula, und die in den Medien. Das kam mir in diesem Oktober bislang anders vor, aber die sich übers Wochenende im Internet entfaltende Geschichte vom Brief der 13 Kardinäle hat mich daran erinnert. Rings um die Aula habe ich jedenfalls kein Wort von diesem Brief gehört. Inzwischen werden im Internet ständig Korrekturen nachgeschoben: andere Unterzeichner, anderer Briefinhalt. Der Urheber der Geschichte, der italienische Vaticanista Sandro Magister, ist uns Benediktinern ohnehin in zwiespältiger Erinnerung. Vor geraumer Zeit verbreitete er, Kardinal Ratzinger wolle den Benediktiner die Basilika San Paolo fuori le mura wegnehmen und einer neugegründeten italienischen Mönchstruppe übergeben. In St. Paul beten und arbeiten immer noch die Benediktiner, und die halbseidenen Alternativmönche haben sich längst aufgelöst. Nachrichten sind Politik, das gilt auch im Schatten der Peterskuppel.

Nicht nur Kardinal Marx weiß, wie man eine Party organisiert. Rings um die Synode entfaltet sich ein reges Veranstaltungsprogramm. Es gibt Konzerte, Andachten, Empfänge, Vorträge und allerlei sonstige Feierlichkeiten. Das ist noch kein tanzender Kongress, aber doch eine Lockerung der strengen Formen in der Aula, die so manchen informellen Brückenschlag ermöglicht. Gestern erhielt ich eine schöne Einladung der polnischen Botschaft: gegen Ende der Synode wird ausführlich der gegenseitigen Vergebung gedacht, die die deutschen und polnischen Bischöfe 1965 mit einem Brief von Rom aus auf den Weg brachten, wo sie sich zum Konzil aufhielten. Manchmal haben solche Versammlungen ganz unerwartete Nebeneffekte.

  • Arbeit ja, Kaffee nein!

    Die Beiträge der Synodenteilnehmer sind so unterschiedlich wie ihre Herkunft und ihre Charaktere. Es gibt den Holzhammer - einer spricht vom "Rauch Satans in der Synodenaula" - und es gibt das Florett. Mehr

  • Zwei Tage im Blindflug

    Mittwoch und Donnerstag gab es keine Versammlung im Plenum. Die Arbeit lief in den verschiedenen Kleingruppen. Die deutschsprachige Gruppe ist aus der zugewiesenen Aula mit dem schönen Namen "Fungo" (Pilz) ausgezogen und hat sich ein Quartier in der benachbarten Glaubenskongregation gesucht. Mehr

  • Jeder weiß, was Familie ist?

    Seit anderthalb Tagen arbeitet die Synode in Sprachgruppen. Es sind 13, eingeteilt vom Synodensekretariat. Meine Sprachgruppe heißt "Englisch C" und bringt mich zusammen mit Bischöfen aus den USA, Australien, Neuseeland, Myanmar, Irland, Nigeria, Myanmar, den Philippinen und so fort, fast eine Synode im Kleinen. Mehr

  • Klärungen

    Es ist gar nicht so einfach, das gemeinsame Arbeiten von 300 Menschen so zu ordnen, dass etwas herauskommen kann. Deshalb geht es immer wieder ums Prozedere, um die Arbeitsweise der Synode. Mehr

  • Um wen geht es eigentlich?

    Der Eröffnungsgottesdienst der Synode ist feierlich - der Rahmen der Petersbasilika erzwingt das geradezu von selbst – aber die Atmosphäre ist eher ernst als freudig. Was die nächsten Wochen bringen werden, weiß ja noch keiner der Synodalen. Mehr

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.