14.10.2015

Zwischen Bombendrohung und Konzil

Der Tag beginnt mit den Berichten aus den 13 Sprachgruppen über die Arbeit am 2. Teil des Instrumentum Laboris. Ein Ordensoberer kolportiert im Vorfeld: „Heute platzen ein paar Bomben“, will aber keine Details nennen. Immerhin, das steigert die Aufmerksamkeit auf unserer Ordensbank noch ein wenig. 

Was wir dann zu hören bekommen, ähnelt dem ersten Zwischenbericht. Die Arbeitsweisen der Gruppen sind unterschiedlich; viele berichten von gemeinsam erarbeiteten Ergebnissen, bei anderen Gruppen entsteht der Eindruck, dass sie nur ein Sammelsurium von Vorschlägen produziert haben.

Herausragend ist der Bericht der deutschen Gruppe, den Erzbischof Koch von Berlin vorträgt. Man merkt gleich, dass in dieser Gruppe etliche Vollbluttheologen sitzen. Da wurde offensichtlich richtig ernsthaft und tiefschürfend am Thema Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gearbeitet, lateinische Originalzitate inclusive. Die akademische Ernsthaftigkeit ist wohl auch der einzige Weg, auf dem diese so unterschiedliche Gruppe – u.a. mit den Kardinälen Kasper, Müller, Marx und Schönborn – überhaupt gemeinsam arbeiten kann. Schade, dass Deutsch nur von wenigen in der Aula verstanden wird.

Auch eine englische und eine französische Gruppe entfernen sich weit vom Instrumentum Laboris und liefern neue Texte: ein oder zwei Seiten mit einheitlichem Stil und konsequenter Argumentationslinie. Ein Mitglied der französischen Gruppe erklärt mir später, man habe in der Gruppe angenommen, dass der Schlussbericht der Synode wohl doch ein sehr sperriges und unschönes Dokument sein werde, mit dem man nicht viel anfangen könne. Deswegen müsse nach der Synode wohl ein neuer Text aus einem Guss verfasst werden, und man habe zeigen wollen, wie das geht.

Tatsächlich kommt aus mehreren Gruppen und auch in Einzelbeiträgen die Bitte, es solle im Anschluss an die Synode doch eine Aufarbeitung des Themas durch das Lehramt geben. Aus der Kurie war dies schon zu Beginn der Synode vorgeschlagen worden, und wirkte damals auf mich wie ein Ablenkungsmanöver. Inzwischen klingt es überzeugender. 

Bomben platzen in den Berichten allerdings keine, nicht einmal Bömbchen.

Über Mittag hören wir nur, dass der Papst während der Generalaudienz um Vergebung für die Skandale in Rom gebeten hat, in Anlehnung an das Tagesevangelium mit dem Weheruf über die, die zum Stein des Anstoßes werden.

Was der Papst meint, ist nicht so eindeutig, und auch P. Lombardi kann das  später nicht wirklich aufhellen. So deutet jeder in seine eigene Lieblingsrichtung. Ich mache eine kleine Gewissenserforschung.

Nach den Berichten hören wir wieder Einzelbeiträge, inzwischen schon zum dritten Teil des Instrumentum Laboris, in dem die konkreten seelsorglichen Fragen behandelt werden. Am interessantesten ist da die sogenannte „freie Diskussion“ von 6 bis 7. Sie ist inzwischen auch ihres Namens würdig, nachdem sie am Anfang eher zäh war. In ihr entspannt sich ein Thema zur Eucharistie: Ein ehrwürdiger Kardinal spricht davon, dass Gnaden ja auch auf anderen Wegen als der Kommunion vermittelt würden, und dass es eben im Leben manchmal unlösbare Situationen gebe, in denen man den Menschen beistehen müsse, ohne eine Wunderlösung in Aussicht stellen zu können. Ein anderer Prälat greift das später auf und kritisiert, dass die in der Aula vertretene Sicht der Kommunion oft zu devotionalistisch und personalistisch sei. Damit meint er, dass der Empfang der Kommunion nur als Akt der persönlichen Frömmigkeit gesehen wird. Ausgeblendet wird, dass die Eucharistie ja ein gemeinsamer Vollzug der Kirche ist, ja dass durch sie Kirche sogar eigentlich erst gebildet wird. „Wir können zwar sagen, dass jemand, der von der Kommunion ausgeschlossen wird, nicht exkommuniziert ist und trotzdem Teil der Kirche bleibt. Aber eigentlich ist da kein Unterschied.“ Einem Benediktiner, für den Liturgie und Gemeinschaft so eng zusammengehören, leuchtet das ein.

Gelegentlich wird prägnant und auch witzig formuliert. Ein Kardinal von den Antipoden: „Die zehn Gebote sind kein Test, den man mit 6 von 10 bestehen kann.“ Ein Kurienmann mahnt vor dem inflationären und weichgespülten Gebrauch biblischer Bilder. „Wir reden hier den ganzen Tag euphorisch vom Öffnen von Türen. Bei Jesus gibt es auch ein enges Tor, durch das man hindurch muß. Das Tor zum Leben ist er selbst.“ Viele schmunzeln zuerst und werden dann doch nachdenklich, als ein Bischof aus der Ostkirche das Gebet zur heiligen Familie, das im Anhang des Instrumentum Laboris abgedruckt ist, gründlich verreisst. Die „heilige Familie“ sei als Vorbild für Familien völlig ungeeignet, weil Josef nicht der Vater ist und die Gottesgebärerin und die zweite Person der Dreifaltigkeit zusammen mit ihm wohl kaum eine normale Familie bilden würden. Er fordert, auf Ikonen von der heiligen Familie zu verzichten, weil in der östlichen Tradition eine Ikone nicht nur ein Wohlfühlbild ist, sondern eine Ausdruck der kirchlichen Lehre. Schließlich sei der Schluss des Gebets nicht haltbar, denn man könne nicht zu allen dreien in gleicher Weise beten: Josef und die Gottesgebärerin könne man um Fürsprache ansuchen, von Jesus als der zweiten Person der Dreifaltigkeit aber erbitte man die Erfüllung der Gebetsanliegen.

Ein Bischof nutzt seine Minuten, um einen Brief vorzulesen, den er von einem geschiedenen und wiederheirateten Lehrer erhalten hat. Ein anderer zitiert ausführlich die Ansprache Johannes XXIII., die dieser bei der Eröffnung des Konzils gehalten hat. Darin heißt es: Die entscheidende Aufgabe, der "springende Punkt" dieses Konzils, ist es also nicht, den einen oder anderen Satz der grundlegenden Lehre der Kirche zu erörtern und so nur die Lehre der Väter und der Theologen aus alter und neuer Zeit ständig zu wiederholen. Diese Lehre steht selbstverständlich dem Geist immer vor Augen und muss ihm vertraut sein…. Die gesamte katholische Christenheit erwartet einen Schritt vorwärts.

Das veranlasst einen anderen Bischof, an Kardinal Capovilla zu erinnern, der an diesem Tag seinen 100. Geburtstag feiert. Er war Sekretär von Johannes XXIII., und wir bekommen zum Abschluss des Tages eine seiner Anekdoten erzählt: „Wir waren im Auto, wenige Tage nach der Wahl. ‚Weißt Du, sagte mir der Papst, die Leute treffen sich und diskutieren, um sich zu erneuern (aggiornarsi). Ich glaube die Kirche bräuchte auch so ein Aggiornamento, mit einem Konzil.‘ Ich schwieg. Nach zwei Tagen die gleiche Szene, und zwei Tage später noch einmal: Der Papst machte deutlich, dass er ein Konzil einberufen wolle, und ich schwieg. Schließlich brach es aus ihm heraus: ‚Ich habe Dir jetzt drei Mal von dieser Idee erzählt, und Du bleibst einfach still. Und ich weiß auch warum: ich habe das gelernt, als ich Sekretär meines Kardinals war, bei Giacomo Maria Radini-Tedeschi. Wenn ich mit etwas nicht einverstanden war, schwieg ich. Aber Du irrst Dich gleich doppelt: weil du den Papst zu sehr lieb hast, und weil Du nicht demütig bist. Du hast mich lieb und deshalb willst mir eine Blamage ersparen: Du glaubst, wenn ich jetzt ein Konzil einberufe, dann bringe ich es nicht bis zu Ende und mache eine schlechte Figur vor der Welt; und du hast zu wenig Demut, weil man Sachen nicht wegen der guten Figur macht, sondern um dem Heiligen Geist zu gehorchen.“

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Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.