18.10.2015

Heimatbesuch und Standing Ovations

Auf dem kurzen Abstecher in die Klosterheimat lasse ich mir die Synode noch einmal durch den Kopf gehen. Mein Grundoptimismus ist inzwischen leicht eingetrübt. Wird am Schluss die Ahnung des Journalisten Bestand haben, der mir schon zu Beginn der Synode sagte, es sei doch etwas armselig, wenn die ganze Hoffnung dieser Großveranstaltung darauf ruhe, dass der Papst am Schluss das Richtige draus machen werde.

Andererseits gibt es dazu auch einen Vorlauf. Ein Mitglied unserer Sprachgruppe war schon bei der ersten Bischofssynode 1967 dabei, und später immer wieder. Er erzählte uns mit fröhlichem Pragmatismus, dass die ersten Synoden recht schwierig gewesen seien. Man habe erkannt, dass ein Text, auf den sich Bischöfe mit so verschiedenem Hintergrund in kurzer Zeit einigen könnten, fast zwangsläufig eher allgemein und fad sein müsse. Deswegen habe seit der dritten Bischofssynode im Anschluss jeweils der Papst die Anregungen der Synode zusammengefasst und eine stimmigere und oft auch weiterführendere Exhortation daraus gemacht. Mich tröstet das etwas. Es bestätigt zwar meine aufkeimende Vermutung, dass bischöfliche Konsenssuche und mutige Prophetie nicht leicht zusammenkommen können. Aber immerhin ist das im System auch schon berücksichtigt.

In der Heimat fragen mich viele, wie es auf der Synode läuft. Zu längeren Erklärungen ist meist keine Zeit, aber nach erfolgreicher Museumseröffnung findet sich am späten Abend noch eine bunte Gruppe zusammen, in der freimütig gesprochen wird. Es sind auch ein paar Professoren am Tisch, und hier wird im Plauderton vorausgesetzt und ausgebreitet, was auf der Synode eher Geheimwissen zu sein scheint: dass die Art und Weise, wie die katholische Kirche das Sakrament der Ehe versteht und feiert, in der jetzigen Form eigentlich erst seit dem Konzil von Trient festgezurrt ist. Einer prophezeit zum Synodenabschluss eine Kirchenaustrittswelle sowie, aus anderen Gründen, den Rücktritt der Bundeskanzlerin noch vor Jahresende, aber zu dem Zeitpunkt sind auch schon leere Weinflaschen auf dem Tisch, so dass nicht mehr jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird.

In meinem Postfach finde ich unter anderem die Werbung für das neue Buch des emeritierten Münsteraner Kirchenhistorikers Angenendt über Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum. Das hätte ich vor der Synode noch gerne in die Hände bekommen! Jetzt ist es per Internet als ebook innerhalb von wenigen Minuten tatsächlich in meiner Tasche, ein Wunder unserer Zeit.

Am Sonntag dringt die Botschaft bis nach Oberbayern durch, dass der Papst in Rom am Samstag beim Jubiläum der Bischofssynoden wegweisend gesprochen hat. Die ganze Kirche soll synodaler werden, weil das ihrem Wesen entspricht. Er erhofft sich daraus eine ökumenische Weitung. Die Bischofssynode wird dann noch eine von vielen Synodalstrukturen sein: er spricht deutlich von der Verlagerung auf andere Ebenen und von Dezentralisierung. Der Papst beschreibt diesen synodalen Weg als einen Weg des Hörens: Hören auf das Volk Gottes, Hören auf die Hirten. „Der synodale Weg gipfelt im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, als Hirt und Lehrer aller Christen zu sprechen: nicht auf der Grundlage seiner persönlichen Überzeugungen, sondern als höchster Zeuge des Glaubens der ganzen Kirche, als Garant des Gehorsams der Kirche gegenüber dem Willen Gottes, dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche.“ Und dann benutzt er selber die Formel „cum Petro et sub Petro“, die wir in diesen Tagen oft gehört haben. „Mit Petrus und unter Petrus“ ist eine Loyalitätsbekundung, die viele Synodenväter wie ein Mantra in ihre Berichte eingestreut haben. Aber nun, da der Papst selbst davon spricht, wirkt das plötzlich mahnend - und zugleich beruhigend. Man versteht, dass auch diese Synode nicht einfach sich selbst überlassen bleibt. Die in der Aula im Allgemeinen eher zurückhaltende Bischofsriege lässt sich zu einem Stehapplaus hinreißen.

  • Arbeit ja, Kaffee nein!

    Die Beiträge der Synodenteilnehmer sind so unterschiedlich wie ihre Herkunft und ihre Charaktere. Es gibt den Holzhammer - einer spricht vom "Rauch Satans in der Synodenaula" - und es gibt das Florett. Mehr

  • Zwei Tage im Blindflug

    Mittwoch und Donnerstag gab es keine Versammlung im Plenum. Die Arbeit lief in den verschiedenen Kleingruppen. Die deutschsprachige Gruppe ist aus der zugewiesenen Aula mit dem schönen Namen "Fungo" (Pilz) ausgezogen und hat sich ein Quartier in der benachbarten Glaubenskongregation gesucht. Mehr

  • Jeder weiß, was Familie ist?

    Seit anderthalb Tagen arbeitet die Synode in Sprachgruppen. Es sind 13, eingeteilt vom Synodensekretariat. Meine Sprachgruppe heißt "Englisch C" und bringt mich zusammen mit Bischöfen aus den USA, Australien, Neuseeland, Myanmar, Irland, Nigeria, Myanmar, den Philippinen und so fort, fast eine Synode im Kleinen. Mehr

  • Klärungen

    Es ist gar nicht so einfach, das gemeinsame Arbeiten von 300 Menschen so zu ordnen, dass etwas herauskommen kann. Deshalb geht es immer wieder ums Prozedere, um die Arbeitsweise der Synode. Mehr

  • Um wen geht es eigentlich?

    Der Eröffnungsgottesdienst der Synode ist feierlich - der Rahmen der Petersbasilika erzwingt das geradezu von selbst – aber die Atmosphäre ist eher ernst als freudig. Was die nächsten Wochen bringen werden, weiß ja noch keiner der Synodalen. Mehr

  • In der Aula und draußen

    Verschnaufpause am Sonntag: Eine kleine Blasmusik aus dem Chiemgau spielt auf, und in den Musikpausen gibt es an den Tischen lebhafte Gespräche. Ein italienischer Kurienerzbischof nutzt die Gelegenheit, um ein Papier mit seinem Lösungsvorschlag für die Synode zu verteilen. Die uralte Verbindung Bayerns mit Rom ist im Gästehaus der Erzbistums München/Freising wieder neu verkörpert, mit einer Weitung ins Globale hinein. Mehr

  • Heimatbesuch und Standing Ovations

    „Mit Petrus und unter Petrus“ ist eine Loyalitätsbekundung, die viele Synodenväter wie ein Mantra in ihre Berichte eingestreut haben. Aber nun, da der Papst selbst davon spricht, wirkt das plötzlich mahnend - und zugleich beruhigend. Man versteht, dass auch diese Synode nicht einfach sich selbst überlassen bleibt. Mehr

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.