19.10.2015

Der Ton spitzt sich zu – aber die Synode muss auch leben

Montag in der Synode. Das große Thema auf den Gängen ist die Papstansprache vom Samstag. Ein Synodenvater sagt mir, dass der hervorragende Vortrag von Kardinal Schönborn beim gleichen Anlass eigentlich viel Aufmerksamkeit verdient hätte. Pech nur, dass Papst Franziskus ihn mit seiner aufrüttelnden Vision dann in den Schatten gestellt hat.

Wir verbringen den Tag in Kleingruppen. Heute ist der Tag der heißen Themen: geschiedene Wiederverheiratete, „Personen mit homosexuellen Tendenzen“ (wie es im Arbeitspapier heißt), Mischehen. Der Diskussionston wird in unserer Sprachgruppe heute etwas schärfer. Manche Positionen liegen weit auseinander. Einigen Teilnehmer wären ganz froh, wenn einfach nur die Inhalte von Familiaris Consortio (1981) noch einmal bekräftigt würden. Viele sind naheliegender Weise der Meinung, dafür hätte es nun nicht gerade einen mehrjährigen Synodenprozess gebraucht.

Einige Abstimmungen über Textvorschläge sind so knapp, dass die Enthaltungen ausschlaggebend werden. Nach den in der Kirche üblichen Abstimmungsregeln werden Enthaltungen bei der Berechnung der notwendigen Mehrheit mitgezählt, sind also eigentlich höfliche Nein-Stimmen. Unser Moderator schlägt sich wacker, aber gelegentlich denke ich doch mit etwas Wehmut daran, wie in unseren Klöstern und Generalkapiteln die gemeinsamen Beschlussfindung läuft: Darlegung der Problematik, Kleingruppen, wo jeder zu Wort kommt, Zusammentragen der Ergebnisse, Ausarbeitung einer Beschlussvorlage, die für alle sichtbar projiziert wird, Votum. Hier muss ein geplagter Sekretär versuchen, aus den verschiedenen hingemurmelten Verbesserungsvorschlägen ein kohärentes Ganzes zu formulieren, das oft dreimal vorgelesen werden muss, bis alle wissen, was zur Abstimmung steht. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz: die Voten machen nicht alle glücklich, aber sie repräsentieren adäquat den Meinungsstand unserer Sprachgruppe.

In den Pausen trifft man andere Synodalen – die meisten heute etwas angespannter. Einen Gesamtüberblick gibt es aber noch nicht – vielleicht entsteht am Dienstag in der Generalkongregation schon ein erster Eindruck, aber richtig klar wird die Abstimmungslage wohl erst Freitag und Samstag.

Die Rolle der Pausen wurde unlängst sehr plastisch in einer großen Zeitung aus Süddeutschland beschrieben: an der einzigen Kaffeemaschine der Synode bilden sich in der Pause eine lange Schlange von mit Kleingeld klimpernden Synodalen, unter die sich der Papst mischt und so seine Bodenhaftung pflegt. Was die Rolle der Pausen für den Papst und uns alle betrifft, hat der Autor völlig Recht, aber atmosphärisch gibt es doch gewisse Unterschiede. Bei Pausenbeginn kommen ja über 300 Synodalen in das sehr große Atrium: mit einem kleinen Kaffeeautomat wäre da wenig ausgerichtet. Stattdessen gibt es ein etwa 30 Meter langes Häppchen-Buffet, auf dem drei große Espressomaschinen thronen, wie man sie von den eleganten römischen Bars kennt. Und wie in diesen Bars – nein, eigentlich eher wie in einem Fellini-Film aus den sechziger Jahren – steht hinter jeder Kaffeemaschine ein distinguierter älter Herr in weißer Livree mit Goldlitzen. Diese Barristas sind sehr zuvorkommend und produzieren am laufenden Band Espressos, Cappuccinos, Macchiatos und dergleichen. Das Häppchen-Buffet ist nicht karg: es reicht vom Gesunden – Obstsalat und Joghurt - über kleine Petits-Fours und Mini-Croissants, Tramezzini, Schinken-Panini und dergleichen mehr bis hin zu Mini-Pizzen und kleinen Zwiebelkuchen. Am Buffet geht es demokratisch zu – Kardinäle, Bürohelfer und Übersetzerinnen können sich gleichberechtigt stärken und kommen sich so auch näher. Mich persönlich lasst das alles natürlich gleichgültig – ich komme nur wegen der guten Gespräche und aus heiliger Chronistenpflicht. Übrigens irrt der Journalist auch beim Kleingeld. Wir bezahlen nichts, denn Kaffee und Häppchen entspringen der Herzensgüte und Gastfreundschaft des Heiligen Vaters. Zur Entlastung muss ich allerdings hinzufügen, dass die Journalisten das alles gar nicht wissen können, weil das Buffet zufälligerweise in einem Bereich des Atriums aufgebaut ist, der von den großen Glastüren aus nicht einsehbar ist.

Sichtbare Gastlichkeit kann anderswo nämlich durchaus Konsequenzen haben. Kardinal Marx wurde wegen einer angeblich extravaganten Abendeinladung in einem amerikanischen Rechts-Blog attackiert. Dieser Blog wirbt damit, dass seine Seiten „wahrheitsgefüllt“ seien, aber das stimmt nicht immer. Als einer, der auch wieder dabei war, kann ich bezeugen: Der bayerische Empfang war charmant und großzügig, aber völlig im Rahmen dessen, was man wertgeschätzten Gästen zum Abendessen reichen sollte. Augustinerbier oder Wein, saure Knödel als Vorspeise und (etwas trockene) Ente. Wenn es heißt, dass die „Bischöfsmägen kaum Pause machen konnten“, sagt das - bei einem Buffet! - mehr über den Kolporteur als über den Gastgeber, fürchte ich.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.