21.10.2015

Der Worte sind genug gewechselt

 Am Vormittag besprechen und verabschieden die Sprachgruppen ihre Berichte zum Teil III des Instrumentum Laboris und beenden somit ihre Arbeit. In diesen Kreisen von ca. 25 Personen haben wir insgesamt rund 40 Stunden verbracht. Wir sind uns recht nahe gekommen, oft sehr kooperativ und manchmal auch in herzhaften Auseinandersetzungen. So eine intensive Arbeit in Kleingruppen hat es noch bei keiner Synode gegeben.

Am Nachmittag ist wieder Plenum. Bevor es an die Arbeit geht, spricht der zu diesem Zweck angereiste Erzbischof Hilarion, der Außenminister der russisch-orthodoxen Kirche. Sein Grußwort ist relativ zuvorkommend gegenüber der katholischen Kirche – das war ja auch schon anders – beschimpft aber einige protestantische „kirchliche Gemeinschaften“, denen er wegen ihres Umgangs mit Homosexuellen bestreitet, überhaupt noch christlich zu sein. Der Vertreter des Ökumenischen Weltkirchenrates pocht ungeduldig auf seine Armlehne, und die Präsidiumsriege zeigt eine eiserne Miene: was ist peinlicher als ein Gast, der andere Gäste beleidigt? Vielleicht hätte er doch an den Sitzungen und Kleingruppen teilnehmen sollen. Das enge Miteinander hat auf die anderen Synodalen doch sehr zivilisierend gewirkt.

Dann werden die Berichte der 13 Sprachgruppen vorgestellt: die erste Möglichkeit um einen zuverlässigen Blick auf die Gesamtwetterlage in der Synode zu bekommen. Das Panorama, das sich entfaltet, ist sehr uneinheitlich. Wenngleich immer wieder gesagt wird, dass die Zulassung geschiedener Wiederheirateter zur Eucharistie nicht das einzige oder wichtigste Thema der Synode ist, kann man doch erkennen, dass hier am meisten gerungen wurde. Ganz grob gesagt ist bei den italienischen und spanischen Gruppen eine Öffnung in diese Richtung erkennbar, häufig verbunden mit der Bitte an den Papst, sich dieses Themas weiteranzunehmen um es entweder zu vertiefen oder um Umsetzungsmöglichkeiten zu prüfen. Bei den anderen Sprachgruppen, die eher die ganze Vielfalt der Weltkirche repräsentieren, sind eindeutige Positionen oft nicht mehrheitsfähig. Zwei englische Gruppen bekräftigen den jetzigen Stand. Eine weitere wünscht sich, dass eine päpstliche Kommission im Blick auf das Jahr der Barmherzigkeit andere Möglichkeiten prüft, und eine vierte glaubt, dass nur ein Konzil solch weitreichende Änderungen verfügen könne. Bei den drei französischen Gruppen gibt es keine Einigung; eine will den Sachverhalt allerdings dem Papst anheimstellen. Und die Deutschen? Sie überraschen noch einmal mit einem fertig ausgearbeiteten und sehr klar gehaltenen Bericht, der alle wichtigen theologischen Dimensionen der Frage anreißt und mit Verweis auf die genauen Umstände des Einzelfalls am Schluss das „forum internum“ ins Spiel bringt. Damit wird eine Entscheidungsebene beschrieben, die auch die persönlichen und gegebenenfalls auch in der Beichte zur Sprache kommenden Gegebenheiten einer Situation berücksichtigt, die aber nicht veröffentlicht oder bewiesen werden können. Tatsächlich ist dies in manchen Ländern auch bisher schon in seltenen Einzelfällen so gehandhabt worden, wie Synodalen aus verschiedenen Kontinenten berichtet haben. Die Deutschsprachigen verwirren allerdings auch etwas, weil die Gruppe sich zu Anfang ihres Berichts über persönliche Herabwürdigungen durch andere Synodenväter und inakzeptable Vergleiche beschwert. Obwohl ich relativ aufmerksam das Geschehen rings um die Synode verfolge, habe ich keine Ahnung worum es geht. Auf dem Weg über den Petersplatz frage ich einen Kardinal und einen Bischof, aber beide sind ebenso unwissend wie ich. Bei der Pressekonferenz am nächsten Tag erklärt Kardinal Marx, dass sie Anstoss an einer Äußerung Kardinal Pells genommen haben, der im französischen Figaro vom Endkampf zwischen den Kasperianern und den Ratzingerianern gesprochen haben soll.

Die deutsche Gruppe liefert auch eine kritische Behandlung der Gendertheorie. Wenn von diesem klugen Text etwas ins Schlussdokument kommen sollte, können wir die manchmal etwas platten Verurteilungen vermeiden, die in einigen Wortbeiträge zu hören waren. Für den Fortgang der Synode wichtiger als diese Berichte sind die sogenannten „Modi“, Änderungsvorschläge zum vorliegenden Text. Zum dritten Teil haben die Sprachgruppen über 500 Modi produziert, die nun der Zehnerkommission übergeben werden und bis Donnerstagnachmittag in das Dokument eingearbeitet werden müssen – mit Sicherheit keine leichte Arbeit. Weil diese Arbeit gehörig Zeit braucht, wurde auch der Zeitplan leicht geändert. Mittwoch und Donnerstag Vormittag tagen wir nicht, damit die Redaktionsgruppe das Dokument fertigstellen kann, über das wir am Donnerstag Nachmittag und Freitag Vormittag beraten werden. Dann werden die letzten Veränderungen vorgenommen, und am Samstag geht es in die letzte Lesung und Abstimmung über den Text. Dieses Schlußdokument ist für den Papst bestimmt, der am Sonntag den Abschlußgottesdienst halten wird. Und dann beginnt der letzte Schritt des synodalen Wegs: der Bischof von Rom wird mit dem weiterarbeiten, was die Hirten zusammengetragen haben.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.