22.10.2015

Erste Synoden - Früchte

Vollversammlung am Donnerstag-Nachmittag. Schon beim Betreten der Aula wird eine gewisse Wuseligkeit greifbar, die es so in den letzten Tagen nicht gegeben hat. Der Sicherheitsdienst schaut genauer als sonst, ob das Lichtbild im Synodenausweis wirklich mit dem Gesicht zusammenpasst.

Zu Beginn der Sitzung ergreift der Papst das Wort. In wenigen Sätzen verkündet er, dass er auf Empfehlung der Kardinalsgruppe, die ihn berät – die sogenannten G9 –, folgendes beschlossen hat: er wird ein Dikasterium schaffen mit der Zuständigkeit für Laien, Familie und Leben. Dieses Dikasterium – so heißen die vatikanischen Oberbehörden - wird die Zuständigkeiten von zwei bisherigen Päpstlichen Räten übernehmen; ihm wird die Akademie für das Leben, eine Gründung Johannes Pauls II., angegliedert. Der Papst wird eine Kommission damit beauftragen, die Details auszuarbeiten. Als Signal zum Ende der Synode ist das stark: Der Papst signalisiert Handlungsbereitschaft; er macht deutlich, dass es mit den Synodenthemen weitergehen wird, und er schafft sich dazu eine neugegründete Behörde, die frisch aufgesetzt und wohl auch personell ausgestattet wird.

Als nächstes wählen wir. Für die nächste Bischofssynode, die in einigen Jahren stattfinden wird, muss ein Rat gewählt werden, der die Arbeit des Synodensekretariates begleitet. Gewählt werden aus jedem Kontinent drei Bischöfe. Bemerkenswert vielleicht, dass Kardinal Sarah als Spitzenreiter aus dem Afrika-Wahlgang hervorgeht, was nicht alle vorhergesagt hätten. Beim Europa-Wahlgang bricht das elektronische Abstimmungssystem zusammen, was zu einigem Durcheinander führt. Der Ruf „Europa funktioniert nicht“ ist zu hören, und mir kommt Fellinis ‚Orchesterprobe‘ in den Sinn. Aber nur vorübergehend, am Schluss klappt nämlich alles wieder, wie das unter italienischen Bedingungen ja auch oft der Fall ist. Für Europa werden gewählt Schönborn von Wien, Nichols von Westminster und Forte von Chieti. Alle drei sind in diesem Blog auch schon vorgekommen, wenngleich notwendigerweise anonymisiert.

Dann endlich das Hauptthema des Nachmittags: Kardinal Erdö präsentiert den Entwurf des Schlussdokuments, und Kardinal Baldisseri erklärt kurz, wie es von der zehnköpfigen Redaktionskommission erarbeitet wurde. Beide wirken erleichtert. Mehr kann über das fast 50 Seiten zählende Papier hier leider nicht verraten werden, denn der Generalsekretär schärft uns ein, dass es „confidenzialisssimo“ ist - oberstrengvertraulich. Ko-Präsident Kardinal Vingt-Trois meint sogar, wir dürften es nur im Sitzungssaal lesen, aber schließlich dürfen die stimmberechtigten Synodalen das kostbare Schriftstück dann doch über Nacht mit heim nehmen: „Aber wirklich niemand zeigen“, mahnt uns Kardinal Baldisseri. Dass das Dokument nur auf Italienisch vorliegt, wird die Nachtlektüre für einige erschweren – oder auch sehr erleichtern. Andererseits ist unter römischen Verhältnissen kaum vorstellbar, dass bei einem Übersetzungslauf in vier Sprachen die Vertraulichkeit bewahrt bleibt. Es wird ohnehin schwierig sein; meine Journalistenfreunde – die dankenswerterweise meine Verschwiegenheit gar nicht erst austesten - spekulieren schon, wo sich am nächsten Morgen ein Leck zeigen könnte.

Die externe Begleitmusik der Synode hatte tatsächlich unerfreuliche und auch konspirative Züge. Das große Drama um den für den Synodenverlauf völlig unbedeutenden Brief der 13 (oder 11?) Kardinäle, und die in Italien aufgetauchte Schlagzeile von der angeblichen Tumorerkrankung des Papstes wirken inszeniert: die Synode, für deren Erfolg ein starker Papst ziemlich wichtig ist, soll unterminiert werden. Das Coming-Out des polnischen Monsignore, meint ein Freund im Vatikan, sei nicht unbedingt Teil einer Intrige, bezeuge aber ebenfalls die fragwürdige Verlässlichkeit des vatikanischen Apparates. Der Papst hat ausdrücklich vor einer Verschwörungsoptik gewarnt, und damit wohl die irrigen Thesen über eine Manipulation der Synode gemeint, die hie und da aufgetaucht sind. Plausibler scheint mir, dass es hinter diesen externen Angriffen Drahtzieher mit eigenen Absichten gibt. Allerdings, am Synodenablauf selber ist das alles abgeprallt – wir hatten schon genug mit unseren eigenen Differenzen zu tun, die allerdings sehr offen ausgesprochen und oft auch aufgelöst wurden. Die Warnung von Papst Franziskus war auf jeden Fall weise, denn wenn man einmal in diese konspirative Logik einsteigt, entdeckt man überall Intrigen und endet im Verfolgungswahn.

Bevor die Nachmittagssitzung zu Ende geht, gibt es noch einen kurzen Austausch über den Entwurf eines Friedensaufrufs für den Nahen Osten, den einer der Patriarchen vorbereitet hat. Mehrere Synodenväter wünschen eine Zuspitzung und die Nennung von „mächtigen Staaten“, die für das ganze Chaos Verantwortung tragen. Man wird sehen, wie es mit diesem Aufruf am Samstag weitergeht.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.