23.10.2015

Die Stunde der Unzufriedenen

Am Freitagmorgen geht es in die Aussprache zum Entwurf des Schlussberichts. Über dreißig Synodenväter melden sich zunächst zu Wort. Bis zum Mittag werden angeblich 55 Beiträge aufgerufen. Die Saalelektronik ist allerdings wieder kapriziös, und viele schütteln den Kopf wenn sie gerufen werden, oder sagen einfach „no, no“: keine Wortmeldung. Fast alle, die wirklich etwas sagen wollen, danken dem Redaktionsteam für den neuen Text. Er ist wesentlich runder als das sperrige Instrumentum Laboris, deutlich kürzer und hat eine klare Struktur und einheitliche Sprache. Ein paarmal wird moniert, meist diskret und manchmal etwas deutlicher, dass die 49 Seiten nur auf Italienisch vorliegen. Das hat manchen die Lektüre erschwert oder auch unmöglich gemacht. Von einer kleinen Gruppe höre ich, dass sie sich mit beachtlicher Pflichtauffassung in den Abend- und Nachtstunden mit einem Italienischkundigen zusammengesetzt haben, um alles durchzusehen.

In der heutigen Sitzung geht es um Verbesserungsvorschläge, und so kommen vor allem die Unzufriedenen zu Wort. Die Kritik konzentriert sich auf einige Formulierungen zur Situation der geschiedenen Wiederverheirateten, und zum rechten Verhältnis von Gewissen und kirchlicher Lehre bei der „verantworteten Elternschaft“, das heißt beim Themenkreis von Humanae Vitae. Wir hören unter anderem von den angeblich desaströsen Folgen der Erklärung von Winnipeg, dem kanadischen Pendant zur Königsteiner Erklärung der deutschen Bischöfe von 1968.

Einige Vorschläge enthalten sinnvolle Präzisierungen, die das Redaktionskomitee am Nachmittag noch einpflegen kann. Andere Korrekturen entsprechen eher nicht der Mehrheitsmeinung der Synodalen, und ich sehe nicht, wie sie so ohne weiteres ins Dokument eingearbeitet werden könnten. Hier werden sich die Voten der Synodenväter am Samstag wohl scheiden – man wird sehen wie. Hilfreich wäre dann eine wieder funktionierende Abstimmungselektronik; ansonsten wird das ein Festtag für alle Verschwörungstheoretiker.

Zu Beginn der Sitzung weist Kardinal Baldisseri darauf hin, dass dies die letzte Aussprache in der Aula ist. Mehrere Synodalen nutzen deshalb ihre Wortmeldung, um ganz andere Themen vorzutragen. Einer beklagt bitter, dass die Synode seine Bitte um einen Appell zur Lage in der Ukraine nicht aufgegriffen habe. Ein orientalischer Kirchenführer bittet den Heiligen Vater, einen Patriarchen-Rat zu etablieren, der sich mit der Lage im Nahen Osten beschäftigen soll. Die Krise in Syrien und im Irak und auch die in diesen Tagen fast unbemerkt wieder aufflammende Intifada in Israel und Palästina sind auf dieser Synode deutlich spürbar. Immer wieder haben Vertreter der Ortskirchen auf die zerstörerische Gewalt in dieser Region hingewiesen, auf entführte Geistliche, auf die Not der geflüchteten Familien, auch auf die Großzügigkeit der Aufnahmeländer – und da sind erstmal die Türkei und Libanon gemeint, die mit ganz anderen Flüchtlingszahlen zurechtkommen müssen als unser so geplagtes Deutschland. Einer der Patriarchen hat die Synode vor einigen Tagen verlassen; angesichts der brenzligen Lage schien ihm die Aufgabe in seiner Heimat wichtiger als die Feinarbeit an einem Synodendokument.

Ein Bischof aus Lateinamerika wiederholt eine eigenwillige Bitte: Der Papst solle eine Kommission einsetzen, die prüft, ob ein unfehlbares Dogma von der spirituellen Mutterschaft Mariens verkündet werden könne. Kaum jemand weiß, was damit gemeint sein soll, und ich glaube nicht, dass man sich im Kalender schon einen Platz für das entsprechende Fest freihalten muss.

Interview am Nachmittag. Die Journalistin ist Mutter mit drei Kindern und unterhält sich fast eine Stunde lang mit mir. Sie erzählt mir, wie den Familien der gesellschaftliche Wind ins Gesicht bläst. Beruf und Mutterschaft sind schwer unter einen Hut zu bekommen, die (relativ) große Kinderzahl eher ein Problem, ziemlich selbstbezogene Lebensmodelle werden oft bevorzugt. Bei den Adoptionswünschen mancher Paare wirke das Kind eher wie ein Lifestyle-Accessoire. Das sind ja alles auch Synodenthemen, und mir wird deutlich, wie sehr die eigentlich breit angelegte Synode eine Geisel der sogenannten „heißen Eisen“ geworden ist. So gesehen erscheint auch das Outing des schwulen Monsignores in einem düstereren Licht: als Versuch der bewussten Verschiebung des Interesses auf ein Thema, das dieser Mutter jedenfalls eher wenig bedeutet.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.