25.10.2015

Ausgezählt

Am Samstag beginnt der Tag wie immer. Nach der etwas verkrampften Stimmung am Freitag fühlt sich die Atmosphäre heute wieder entspannter an. Vielleicht ist es die Aussicht, bald Klarheit zu haben. Auch mag der Freimut bei der Aussprache am Vortag wie ein reinigendes Gewitter gewirkt haben. Was ausgesprochen ist, vergiftet ja die Seele nicht mehr. Wir beten die Terz, und dann beginnt die Verlesung des Schlussdokuments, das vom Redaktionsteam noch einmal überarbeitetet worden ist. Der Papst wird später bei seinem Dankwort davon sprechen, dass einige eine „notte bianca“ gehabt hätten, eine weiße Nacht – sie haben durchgearbeitet.

Wir bekommen einen gedruckten italienischen Text in die Hand. Englisch, Französisch Deutsch und Spanisch werden simultan übersetzt. Der Sitzungsleiter des Tages, Kardinal Assis, übernimmt die Verlesung des ersten Teils. Sein Italienisch hat die gutturale Färbung der Brasilianer. In der Nummer 28 bleibe ich an einer Passage über die Rolle der Frauen in der Kirche hängen: eine Aufwertung sei notwendig, stärkere Beteiligung an Entscheidungsprozessen und die Übertragung von Leitungsaufgaben „in einigen Institutionen“ wird gewünscht, sowie Mitwirkung an der Ausbildung der Priester. Den Teil II liest Kardinal Erdö vor. Er ist mein alter Kirchenrechtsprofessor und sein Italienisch ist sehr klar und etwas kantig, was zur Verständlichkeit eher noch beiträgt. Teil III übernimmt Bischof Bruno Forte, der als Italiener und Vollbluttheologe auch eine wichtige Rolle bei der Formulierung des Textes hatte. In der Synode 2014 hatte er etliche Hiebe einstecken müssen, weil der damalige Zwischenbericht aus seiner Feder von vielen als Provokation gewertet worden war. Er beginnt nun den Vortrag. Ihm und dem ganzen Sitzungspräsidium ist inzwischen klar, dass die Verlesung, die um 9.15 Uhr begonnen hat, bis 12.30 kaum zu Ende kommen kann. Allmählich steigert sich seine Redegeschwindigkeit und er erreicht ein Renntempo. Ich höre in die Übersetzungen hinein, die erstaunlicherweise ziemlich gut mithalten können, auch wenn gelegentlich einmal ein Halbsatz verschluckt wird. Um Halb-Ein-Uhr hält er mit fragendem Blick inne. Weitermachen, oder erst am Nachmittag zu Ende lesen? Kardinal Baldisseri gibt das beherzte Kommando zum Weiterlesen. Um 13.00 Uhr der letzte Satz. Applaus brandet auf; er mag dem Text gelten, sicher aber auch den Vorlesern und Übersetzern. Mein Weg zum Ausgang führt an den engen Kabinen des Übersetzungsteams vorbei und ich rufe den Damen ein herzliches Dankeschön zu: sie sind die unbesungenen Heldinnen dieses Vormittags.

In der Mittagspause verbringe ich ein halbes Stündchen auf dem Campo Santo, dem deutschen Friedhof mitten im Vatikan. Es ist ruhig, die Sonne scheint durch die Büsche und Palmen, eine überreife Orange fällt vom Baum und birst mit einem Platsch auf, sofort umschwärmt von hungrigen Fruchtfliegen – ein Stillleben, das meine barocke Seele anregt. Ich komme mit einem Mann ins Gespräch, der aus Bayreuth stammt. Sein Leben war recht unruhig, und seit sechs Jahren lebt er in Rom – wohl nicht immer mit festem Wohnsitz. Er hilft hier als Friedhofsgärtner aus. Eine Bank zum Ausruhen gibt es im Friedhof nicht, sagt er, aber setzen Sie sich doch da auf den Brunnenrand, das mache ich auch manchmal.

Um 16.30 beginnt der Abstimmungsmarathon. Die Technik funktioniert diesmal einwandfrei, Gott sei Dank. Die Zahl der Anwesenden muss dreimal ermittelt werden, wegen der Zuspätkommenden, die mit großem Hallo und ironischem Applaus begrüßt werden. Die Stimmung ist entspannt. 265 Stimmberechtigte sind anwesend, die Zweidrittelmehrheit zur Annahme eines Textabschnitts erfordert 177 Voten.

Nacheinander werden die insgesamt 94 Abschnitte aufgerufen. Die Saalregie verkündet, welche Nummer zur Abstimmung steht, und wir drücken auf dem Abstimmungsautomaten in unserer Sitzlehne die Taste für Placet oder Non Placet – „es gefällt“ oder „es gefällt nicht“. Nach einigen Momenten wird die Zahl der Zustimmungen, Ablehnungen und ungültigen Voten verkündet und auf den Bildschirmen angezeigt, und dann ist schon die nächste Nummer dran. Es geht ohne Unterbrechung oder Pause durch – sehr konzentriert und recht monoton. Einige wenige Nummern werden völlig einstimmig angenommen, die meisten haben eine Handvoll Gegenstimmen und ungültige Voten. Offensichtlich gelohnt hat sich die Nachtarbeit des Redaktionskommitees, denn die Nummer 63 zur „Zeugungsverantwortung“ (Humanae Vitae), die am Vortag deutlich kritisiert worden war, wird nun mit 89,5 % angenommen. Enger wird es bei den Nummern 84-86, wo unter „Scheidung der Geister und Integration“ der Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten verhandelt wird. Als das Ergebnis zur Nummer 85 verkündet wird – 178/80/0 - kommt aus den Reihen zu meiner Rechten ein Kollektivseufzer. O je, denke ich, der Text ist durchgefallen, stelle dann aber fest, dass er ja knapp angenommen wurde, was bei einigen diese Regung hervorrief.

Der Rest des Dokumentes wird wieder mit hohen Mehrheiten über 95% angenommen, und um 18.00 sind wir durch. Die Synode hat den kompletten Text verabschiedet – alle klatschen. Sogleich beginnen die Schlußrituale: Tagespräsident Kardinal Assis dankt dem Papst und erbittet seinen Segen. Dann dankt der Generalsekretär dem Papst für seine „Präsenz und Führung“ und den anderen Mitwirkenden.

Und dann kommt noch einmal der Papst selber, der eine Ansprache vorbereitet hat. Er rekapituliert, was er für die Aufgabe der Synode hält, bekräftigt, dass sie nicht auf alles Lösungen bieten muss, sondern die Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens anschauen. Er spricht von der Versuchung der Kirche, sich auf den Richterstuhl des Moses zu setzen. Einmal sagt er den schönen Satz: „Am Ende dieser drei Wochen denken wir alle anders über die Familie als zu Beginn.“ Das ist wirklich wahr, und eine kleine „pastorale Bekehrung“ – ein Lieblingswort der Synode - hat auch bei mir schon eingesetzt. In meinem Freundeskreis sehe ich schon einige, die von einer Lebensberatung profitieren könnten, auch wenn sie sich dessen bisher noch gar nicht bewusst sind.

Nach dem Te Deum strömen die Synodalen aus der Aula, direkt den wartenden Kameras und Journalisten entgegen. Ich darf an diesem Tag einige Male in hingestreckte Mikrofone sprechen. Über eine Frage, die ich so oder so ähnlich mindestens dreimal höre, staune ich nicht schlecht: „Was können Sie den enttäuschten Katholiken in Deutschland sagen?“ Vor laufender Kamera kann man ja nicht einfach „Häh?“ sagen, aber es kostet Überwindung. Eine Weltbischofssynode hat in einer Frage, die für viele recht strittig ist, den Entwurf einer Handvoll deutschsprachiger Bischöfe übernommen, der alle Türen für gute pastorale Lösungen offenhält. Das ist weit mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Hier war ja wirklich die ganze Welt zugegen, und viele konnten ihre eigenen wichtigen Themen nicht unterbringen: der Ukrainer, der sich ein Wort zum vergessenen Krieg in seiner Heimat erhofft hatte; der indische Bischof, der auf einen Ritus für interreligiöse Hochzeitsfeiern hofft, der Kanadier, der das Diakonat der Frau angeschnitten hat. Und so weiter. Wenn die deutschen Katholiken jetzt wirklich enttäuscht wären, hätten viele andere Grund, ganz hinzuschmeißen. Zugegeben, innerkirchliche Prozesse sind nicht immer leicht einzuordnen, aber bei dieser Medien-Beschwörung der Enttäuschung ist auch eine gehörige Portion Fahrlässigkeit dabei. Mindestens.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.