26.10.2015

Auf dem Heimweg

Die Synode hallt nach. Am Flughafen in Rom bekomme ich eine Repubblica in die Hände, mit einem Artikel über ein Privat-Abendessen Schönborns mit dem Papa Emeritus, bei dem angeblich die Wege für die Lösung der Synode geebnet worden seien. Im Internet lese ich, dass der BDKJ das Fehlen von Äußerungen zur Empfängnisverhütung bedauert. Als ich noch im BDKJ war – lang ist’s her - hatten wir uns immer gewünscht, einmal nichts über Empfängsnisverhütung zu hören. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Was bleibt? Bei einer Abendrunde sagte ein Freund: in vierzig Jahren werden wir sagen - damals hat’s angefangen, das war der Beginn von etwas Neuem und Großem. Meint er es ernst? Über die Weinflaschen hinweg bin ich mir nicht ganz sicher. Nun, das Urteil wird die Geschichte sprechen, und auf seine Weise Gott selbst.

Was bleibt für mich nach diesen drei Wochen im Ausnahmezustand? Neue Bekanntschaften: Kardinal Wuerl von Washington, mit hohem Kragen und stets makellosem Haupthaar, der mit viel Erfahrung und Takt unserer Kleingruppe immer wieder kluge Impulse gegeben hat. Pfarrer Scarabattoli, der mit seiner lebhaften Gutmütigkeit die ganze Synode geerdet hat und jedes Mal strahlte, wenn er den „Frate“, den Klosterbruder sah. Bischof Thornton, ein Anglikaner, der als Gast auch die langweiligsten Sitzungen geduldig ertrug, wobei ihm der englische Schalk aus den Augen blitzte. Er freut sich auf meinen Besuch in Cornwall, hat er gesagt, und scheint es wirklich zu meinen. Der hünenhafte Kardinal Schönborn, der mehr als einmal angespannte Situationen mit Wiener Charme zum guten Ende geführt hat, so dass man ihn wohl zu einem Hauptverantwortlichen fürs Gelingen der Synode machen muss. Und so weiter. In Erinnerung bleiben auch packende Szenen. Als der Papst am Morgen des zweiten Tag das Wort ergriff und etwas nuschelnd sagte: „Ich will ein paar Dinge klarstellen“, da ging der Synodenaufstand vom Vorabend zu Ende, ehe man ein Paternoster sagen konnte. Manchmal war es unabsichtlich lustig: „Europa ist am Ende. Also gut!“ als Kommentar zu einem Technikfehler. Manche Sätze blieben einem auch im Hals stecken: die Nazi-Vergleiche Kardinal Sarahs, oder das Wort vom Rauch Satans in der Aula.

Das stärkste Bild der ganzen Synode brachte ein lateinamerikanischer Bischof, der von einer Erstkommunion in seiner Diözese erzählte. Ein Junge, der sich all das, was man über die Eucharistie in der Kommunionvorbereitung lernt, wirklich zu Herzen genommen hatte, empfing die heilige Hostie und brach sie auf dem Weg zurück ins Kirchenschiff in drei Teile, um auch seinen Eltern davon zu geben, die in der Bank geblieben waren, weil sie nicht zur Kommunion gehen durften. Immer wieder präsent war das Drama im Nahen Osten. Isis, Bürgerkrieg, Flüchtlingselend, tödliche Bedrohung der alten Christenheit. Unter uns saßen etliche Kandidaten fürs Martyrium. Bei den Pressekonferenzen hat das leider niemanden interessiert.

Es war nicht immer ganz friedlich, und der Papst sagte am letzten Tag, dass der gewünschte Freimut manchmal auch in nicht ganz wohlmeinender Weise gebraucht worden sei. Im Nachgang haben jetzt schon die Deutungsversuche begonnen. Kardinal Pell erklärt, dass die Synode gewollt habe, dass alles so bleibt, wie es bisher war. Dass das nicht ganz stimmt, konnte man auch daran erkennen, dass es gegen einige Absätze doch spürbaren Widerstand gab, bis fast zu einem Drittel der Synodalen. Haben die gegen Abschnitte gestimmt, die alles belassen wollten wie bisher? Wohl kaum. Die abschließende Deutung liegt glücklicherweise beim Papst, der sehr genau weiß, was für ein Papier er da bekommen hat. „Freie Hand für den Heiligen Vater“, war das dazu oft gehörte Wort. Bei der Synode ging es ja nicht nur um Ehe und Familie. „Die Zukunft der Kirche wird hier verhandelt“, sagte einer. Ging es um Kirche und Modernität? Das war meine erste Vermutung. Aber inzwischen glaube ich, dass das große Überthema der Synode eigentlich die Spannung zwischen globalisierter Weltkirche und regionaler Verschiedenheit ist. Der Papst hat in seiner Schlussansprache deutlich darauf hingewiesen: “Was für den Bischof von einem Kontinent normal ist, wirkt auf den von einem anderen seltsam, vielleicht sogar skandalös. Was an einem Ort eine Menschenrechtsverletzung ist, ist anderswo offensichtliches und unantastbares Gebot. Gewissensfreiheit für die einen ist für andere nur Unordnung. Die Kulturen sind wirklich sehr verschieden voneinander, und jedes allgemeine Prinzip muss inkulturiert werden, damit es angewendet werden kann.“ Diese Inkulturation macht er dann wieder zum Thema: Unsere Werte, und unsere Prinzipien müssen tief in die jeweilige Kultur hineingetragen werden und dort Gestalt annehmen. Dann ertragen wir auch die Verschiedenheit und müssen nicht mehr “wie der ältere Bruder” aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn voller Neid oder Misstrauen auf die anderen blicken. Ich denke an unsere weltweite Klosterfamilie. Unsere Klöster leben sehr unterschiedlich. Da wo der Wesenskern des Mönchtums angekommen ist, gibt es tiefe Einheit obwohl sich die äußeren Formen sehr unterscheiden. Aber da, wo ein entscheidender Wert – zum Beispiel persönliche Besitzlosigkeit - nur als Lippenbekenntnis formuliert wird und nicht wirklich in die Tiefe der Lebenswirklichkeit dringt, da zerbricht die Einheit, selbst wenn als Lippenbekenntnis genau das nachgebetet wird, was man anderswo gerne hören möchte.

Der Blick aus dem Flugzeugfenster aufs Voralpenland ist so atemberaubend schön, dass ich die Zeitung weglege und nur noch schaue und dankbar staune. Nach drei Wochen in Rom schieben sich die hiesigen Themen und Aufgaben langsam wieder über das Synodenerlebnis. Der Papst hat gesagt „das Wort Familie wird für uns in Zukunft einen anderen Klang haben“. Für mich hat in diesen drei Wochen auch das Wort Kirche einen reicheren Klang angenommen. Neue Unter- und Oberstimmen sind dazugekommen, Befremdendes und Bereicherndes. Ich bin wieder daheim, aber doch etwas verwandelt, vielleicht sogar ansatzweise „bekehrt“, in der vollmundigen Sprache der Synode.

Heute geht dieser Blog zu Ende. Als katholisch.de mich gefragt hat, ob ich dazu bereit wäre, da wusste ich noch nicht, was daraus wird. Gefreut haben mich das positive Echo aus der Redaktion und die vielen Zuschriften von Freunden, Bekannten und Fremden, die ich in diesen 20 Tagen bekommen habe. Für all das sage ich ein herzliches Vergelt’s Gott. Für mich selbst war der aus dieser Selbstverpflichtung erwachsende sanfte Druck eine gute Hilfe: ich mußte der Synode wacher und aufmerksamer folgen, zugleich mit dem Innenblick des Teilnehmers und dem Außenblick des Betrachters. Das macht nicht schizophren, eher im Gegenteil: es bewahrt vor Tunnelblick und Nabelschau.


Auch das Team von orden.de bedankt sich herzlich bei Abt Jeremias für seine spannenden Einblicke in die Synode. Durch seine heitere Gelassenheit und die leise Ironie der Texte ist er für viele - auch der Kirche Fernstehende - zu einem Brückenbauer im besten Sinne geworden. Vergelt`s Gott.

Abt Jeremias

Abt Jeremias Schröder OSB, Präses der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, ist einer von zehn Ordensvertretern bei der Familiensynode im Vatikan. Hier auf orden.de teilt er seine Eindrücke mit unseren Lesern.