Ordensgemeinschaften in Deutschland

Am Brennpunkt der Liebe

„Alles meinem Gott zu Ehren“. Die Worte stimmen mich froh am Tagesbeginn.  „Ja, all mein Tun und Lassen hat ein Ziel, auch wenn ich noch nicht weiß, was kommen mag. Du, mein Wegbegleiter und Freund zugleich, in Jesus fassbar nah.“

Meine Unbeschwertheit währt nicht lange. Schon melden sich „Aber-Geister“: „Doctor, I cannot continue!“ höre ich Niko* sagen. Er ist Alkoholiker. Sein verzweifelter Blick taucht plötzlich auf. Er hat sich in meinem Herzen eingebrannt. Dieser Blick stellt sich trotzig der Zuversicht und Gelassenheit im Wissen um Gottes Gegenwart entgegen.  

Neulich kam Niko in die ärztliche Sprechstunde der Elisabeth-Straßenambulanz, mit Blutergüssen übersät. Jemand hatte ihn überfallen. Mir war klar: Niko kommt nicht mit einem „blauen Auge“ davon. Sein Körper trägt die Spuren der Alkoholsucht und des Lebens auf der Straße. Selbst Niko weiß, dass die Sucht ihn ruiniert: „Ich muss trinken“, sagt er, „wenn die Perspektivlosigkeit mich überwältigt.“

Ohne Krankenversicherung sind ihm der Weg in eine stationäre Entgiftung und eine Therapie verschlossen. Und ohne körperliche und psychische Stabilität wird er keine Arbeit aufnehmen können. Ohne Einkommen bleiben ihm nur die Straße und der Alkohol.  Niko weiß, dass er sich in einer Todesspirale befindet, aus der er sich ohne fremde Hilfe nicht befreien kann.  „Doctor, I cannot continue!“ fleht der studierte Theologe. Er umfasst dabei ein großes Umhängekreuz, ein Geschenk.

„Alles meinem Gott zu Ehren“ – diese Verse gehen nun schwer über meine Lippen. Still, nachdenklich und traurig halte ich die ungelösten Fragen Jesus hin, in dessen Gegenwart ich mich weiß. Und ich nehme auch Niko mit hinein und viele andere.

In der Ausrichtung auf Gott meldet sich das Echo, das die Not von Menschen in meinem Herzen hinterlassen. Solche Nöte sind nicht einfach aufzulösen. Sie graben sich im Herzen ein, dort, wo die Sehnsucht nach Heil und Heilung und die Zusage einer bedingungslosen Liebe Gottes zusammenfallen.

Ich entscheide mich neu, berührbar zu bleiben an diesem „wunden Punkt“. Es ist der „Brennpunkt der Liebe“, der auch die nächste Begegnung mit Niko so „kostbar“ machen wird.

An mir ist es zu bleiben und heilende Präsenz zu leben: „Gib, o Jesu, Gnad dazu!“

*Name geändert

Über die Autorin

Sr. Dr. Maria Goetzens arbeitet als Allgemeinärztin in der Elisabeth-Straßenambulanz, Caritasverband Frankfurt und gehört zur Gemeinschaft der Missionsärztlichen Schwestern.

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