Geistliche Aufgaben

Geistliche Aufgaben

"Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten." (Mt 6,6)


Ein oft vernachlässigter Teil der Persönlichkeit Jesu ist sein Beten. Es deckt sämtliche Bereiche des menschlichen Betens ab: Klage und Trauer in der Gottverlassenheit des Kreuzes (vgl. Mt 27,46), aber auch Freude und Jubel nach der Rückkehr der von ihm ausgesandten Jünger (vgl. Mt 11,25). In dieser Situation wird aber auch deutlich, dass das Gebet Jesu von dem der Menschen unterschieden ist: "Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will" (Mt 11,27). Im Gebet spricht Jesus unmittelbar zu seinem Vater, mit dem er "eins" (Joh 17,22) ist.

Als sich die ersten Mönche in die Wüste Ägyptens zurückzogen, um in der Einsamkeit Gott zu suchen, wurde das Gebet für sie die einzige Möglichkeit der Gottesbegegnung. Nachdem sich das gemeinsame Eremitentum durchzusetzen begann, entwickelte sich auch das gemeinschaftliche Gebet der Mönche, in dem bereits die Psalmen als Hauptbestandteile christlichen Betens auftauchten. Das aus diesen einfachen Anfängen hervorgegangene Stundengebet wird von allen Ordensgemeinschaften bis heute vollzogen.

Mit dem Aufkommen des Mönchtums im Abendland, das zunächst fast ausschließlich von der Regel des hl. Benedikt von Nursia geprägt war, entwickelte sich auch das sog. Charisma der Orden, also ihr jeweiliges unverwechselbares Gepräge bzw. ihr besonderer Auftrag. So widmen sich die benediktischen Orden (neben den Benediktinern auch die Zisterzienser und Trappisten) der Kontemplation, also der Betrachtung des göttlichen Geheimnisses in der klösterlichen Gemeinschaft. Die Eremitenorden des 11. und 12. Jahrhunderts, unter ihnen die Kartäuser, gingen einen Schritt weiter: Sie zogen sich radikal aus der Welt zurück und versuchten durch neue Ansätze, z.B. das Schweigegelübde, die Gottsuche zu intensivieren. Die ab dem 13. Jahrhundert aufkommenden Bettelorden gingen den genau entgegengesetzten Weg: Sie besannen sich auf die apostolischen Anfänge des Christentums und zogen als arme Wanderprediger durch die Welt, um die Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Die im 16. Jahrhundert gegründeten Jesuiten spezialisierten sich v.a. auf die Entdeckung des göttlichen Willens für das eigene Leben durch geistliche Übungen, die sog. Exerzitien.

Zusammengehalten wird diese Bandbreite durch den Gedanken der Stellvertretung: Die Ordensleute führen ihr Leben nicht nur für sich und ihre persönliche Beziehung zu Gott, sondern beten für Kirche und Welt. Auf ihre je eigene Weise begeben sie sich in die Nachfolge Jesu und versuchen, sein Wort zu erfüllen: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist." (Mt 5,48).